
Was Hundemenschen wirklich nicht mehr hören können – 20 Sprüche aus der Hundeszene, die erstaunlich hartnäckig überlebt haben
Es gibt Sätze, die begleiten Hundebesitzer seit Jahrzehnten. Manche werden auf der Hundewiese gesagt, andere beim Spaziergang, einige sogar von Freunden oder Familienmitgliedern. Viele dieser Aussagen klingen zunächst harmlos oder sogar gut gemeint. Das Problem: Sie vereinfachen Hundeverhalten oft so stark, dass sie mit der Realität nur noch wenig zu tun haben.
Besonders Dackelhalter kennen diese Sprüche nur zu gut.
„Das regeln die unter sich.“
Der Klassiker schlechthin.
Zwei Hunde geraten aneinander, einer zeigt deutlichen Stress oder Unsicherheit und irgendwo fällt garantiert dieser Satz.
Hunde besitzen zwar eine ausgeprägte Kommunikation, trotzdem lösen sie Konflikte nicht immer friedlich. Viele Beißvorfälle beginnen genau mit der Annahme, dass sich Hunde schon irgendwie einigen werden.
Ein verantwortungsvoller Mensch beobachtet Situationen und greift rechtzeitig ein, bevor Kommunikation in Eskalation umschlägt.
„Der tut nichts.“
Fast jeder Hundebesitzer hat diesen Satz schon gehört. Oft kommt er in dem Moment, in dem ein fremder Hund mit Vollgas auf den eigenen Hund zurast.
Das Problem: Niemand kann beurteilen, wie der andere Hund diese Situation erlebt.
Vielleicht hat er Schmerzen. Vielleicht Angst. Vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht ist er einfach alt und möchte seine Ruhe.
Der Satz „Der tut nichts“ hilft dem anderen Hund überhaupt nicht.
„Der will nur spielen.“
Auch Spielen braucht gegenseitiges Einverständnis.
Ein Hund, der sich versteckt, ausweicht oder Schutz beim Menschen sucht, möchte häufig gerade kein Spiel. Was für den einen Hund ausgelassenes Toben ist, kann für den anderen massiven Stress bedeuten.
„Das ist noch ein Welpe. Der hat Welpenschutz.“
Der berühmte Welpenschutz hält sich erstaunlich hartnäckig.
Erwachsene Hunde behandeln Welpen häufig vorsichtiger als erwachsene Artgenossen. Einen automatischen Schutzschild gibt es jedoch nicht. Manche erwachsenen Hunde mögen Welpen, andere empfinden sie als anstrengend.
Ein Welpe braucht deshalb Begleitung und keine romantischen Vorstellungen.
„Du musst dem Hund zeigen, dass du der Rudelführer bist.“
Kaum ein Begriff hat die Hundeszene so lange geprägt.
Das ursprüngliche Modell stammt aus alten Wolfsstudien mit fremden Wölfen in Gefangenschaft. Moderne Verhaltensforschung betrachtet soziale Beziehungen deutlich differenzierter.
Hunde brauchen Orientierung, Sicherheit, Vorhersagbarkeit und eine gute Kommunikation. Ein militärischer Führungsstil macht aus einem Hund keinen besseren Begleiter.
„Der Hund will dich dominieren.“
Der Hund liegt auf dem Sofa?
Dominanz.
Der Hund schläft im Bett?
Dominanz.
Der Hund läuft vor dir?
Natürlich Dominanz.
Irgendwann war Dominanz die Erklärung für nahezu jedes Verhalten. Heute weiß man, dass Hunde aus ganz unterschiedlichen Gründen handeln. Bequemlichkeit, Gewohnheiten, Aufregung, Motivation oder Lernerfahrungen erklären viele Situationen wesentlich besser.
„Ignorier ihn einfach komplett.“
Ein Hund, der unsicher ist, Aufmerksamkeit sucht oder gerade etwas lernen soll, profitiert selten von völliger sozialer Isolation.
Hunde sind soziale Lebewesen. Kommunikation gehört zu ihrer Natur. Natürlich gibt es Situationen, in denen Ruhe hilfreich ist. Komplettes Ignorieren wird jedoch häufig als Universallösung verkauft und passt längst nicht zu jedem Problem.
„Lass ihn kastrieren, dann hört das auf.“
Kastration ist kein Zauberschalter.
Viele Verhaltensweisen haben mit Emotionen, Erfahrungen oder erlernten Abläufen zu tun. Ängste, Unsicherheit oder Frust verschwinden durch eine Operation meist nicht.
Deshalb sollte eine Kastration immer medizinisch und individuell betrachtet werden.
„Er wedelt doch mit dem Schwanz. Der freut sich.“
Schwanzwedeln bedeutet lediglich Erregung oder Aktivierung.
Ein Hund kann sich freuen, aufgeregt sein, angespannt sein oder sogar kurz vor einer Abwehrreaktion stehen und gleichzeitig mit dem Schwanz wedeln.
Erst die gesamte Körpersprache liefert ein vollständiges Bild.
„Ihr müsst unbedingt in die Hundeschule.“
Hundeschulen können großartig sein.
Sie sind allerdings kein Reparaturbetrieb für jedes Problem. Manche Schwierigkeiten entstehen zu Hause, manche im Alltag, manche durch gesundheitliche Ursachen.
Und nicht jede Hundeschule passt zu jedem Mensch-Hund-Team.
Die Spezialdisziplin der Dackelhalter
Wer einen Dackel besitzt, bekommt noch ein paar Extras dazu.
„Ist halt ein Dackel. Die kläffen eben.“
Ja, Dackel wurden ursprünglich für die Jagd gezüchtet und besitzen häufig ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis.
Zwischen „kommunikativ“ und „dauerhaft bellend“ liegen allerdings Welten.
Viele Dackel leben ausgesprochen ruhig und gelassen. Andere bellen aus Unsicherheit, Frust oder Aufregung. Genau wie bei anderen Hunderassen auch.
„Dackel hören sowieso nie.“
Seltsamerweise hört man diesen Satz oft von Menschen, die noch nie einen Dackel hatten.
Dackel können hervorragend lernen. Sie hinterfragen allerdings gerne und bringen eine gewisse Eigenständigkeit mit. Das macht sie spannend und manchmal auch kreativ.
Mein Dackel Paul kennt erstaunlich viele Signale. Er diskutiert gelegentlich darüber, ob meine Idee wirklich die beste ist. Das ist etwas anderes als Ungehorsam.
„Rückruf beim Dackel kannst du vergessen.“
Ein zuverlässiger Rückruf ist Trainingssache.
Natürlich wird aus einem Dackel kein Border Collie. Muss er auch gar nicht. Viele Dackel laufen sehr zuverlässig frei, wenn Training, Motivation und Umfeld zusammenpassen.
„Dackel ziehen eben an der Leine.“
Auch das gehört zu den beliebten Pauschalaussagen.
Ein Hund zieht nicht, weil seine Beine kurz sind oder weil er Dackel heißt. Häufig spielen Aufregung, Tempo, Umweltreize oder fehlende Orientierung eine Rolle.
„Der kleine Hund muss das lernen.“
Erstaunlicherweise wird von kleinen Hunden oft erwartet, dass sie große Hunde aushalten sollen.
Dabei besitzen auch kleine Hunde persönliche Grenzen. Ein Zwergdackel mit vier Kilogramm Gewicht erlebt einen stürmischen Labrador unter Umständen ganz anders als ein gleich großer Spielpartner.
„Der braucht mal einen auf den Deckel.“
Ein weiterer Satz, der erstaunlich lange überlebt hat.
Verhalten verändert sich durch Lernen, Erfahrungen und Emotionen. Angst oder Einschüchterung liefern höchstens kurzfristige Ergebnisse und verschlechtern häufig die Beziehung zwischen Mensch und Hund.
„Früher hat man das auch so gemacht.“
Das stimmt sogar.
Früher wurden Hunde auch mit Stachelhalsbändern trainiert. Früher rauchte man im Auto mit Kindern. Früher galten viele Dinge als normal.
Neue Erkenntnisse gehören zum Fortschritt. Das gilt für Medizin, Ernährung und eben auch für Hunde.
„Mein erster Hund vor 30 Jahren war auch so.“
Persönliche Erfahrungen sind wertvoll.
Ein einzelner Hund ersetzt allerdings keine Erkenntnisse über Hundeverhalten insgesamt. Hunde sind Individuen und jede Generation bringt neue Erfahrungen mit sich.
Warum diese Sprüche überhaupt so beliebt sind
Viele dieser Aussagen haben einen gemeinsamen Vorteil:
Sie liefern einfache Antworten.
Hundeverhalten ist allerdings selten einfach. Ein Hund besteht aus Genetik, Erfahrungen, Emotionen, Gesundheit, Alter und Umwelt. Deshalb gibt es kaum universelle Erklärungen.
Vielleicht wäre ein neuer Standardsatz viel hilfreicher:
„Lass uns erst einmal schauen, warum der Hund das macht.“
Damit wären vermutlich schon viele Diskussionen deutlich entspannter. Und Dackelbesitzer müssten vielleicht etwas seltener hören:
„Ach, ein Dackel? Die machen sowieso, was sie wollen.“
Dackel Paul würde dazu wahrscheinlich nur müde gähnen und anschließend prüfen, ob irgendwo ein Keks herumliegt. Das erscheint ihm deutlich sinnvoller. Er macht lieber das, was Frauchen so sagt. Ist weniger Stress für ihn.








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