
Studie über die Gesundheit von Retrievern
Wer wissen will, woran Retriever in Deutschland erkranken und woran sie sterben, kommt an einer Arbeit kaum vorbei. 2008 reichte Anne Brümmer am Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen ihre Dissertation mit dem Titel „Gesundheit, Krankheitshäufigkeiten und Todesursachen bei Retrievern“ ein. Auf über 200 Seiten wertete sie eine groß angelegte Besitzer-Befragung aus, die sie zusammen mit der Zuchtkommission des Deutschen Retriever Clubs erstellt hatte. Das Ergebnis war für viele Halter ernüchternd, weil es Zahlen lieferte, wo sonst nur Vermutungen kursierten. Dieser Beitrag fasst zusammen, wie die Studie aufgebaut war, was sie herausfand und wo ihre Grenzen liegen.
Wie die Studie aufgebaut war
Grundlage war ein standardisierter Fragebogen, der an Züchter und Halter von Retrievern in ganz Deutschland ging. Erfasst wurden alle sechs Retrieverrassen, also Golden Retriever, Labrador Retriever, Flat Coated Retriever, Chesapeake Bay Retriever, Curly Coated Retriever und Nova Scotia Duck Tolling Retriever. Der Bogen fragte 81 verschiedene Krankheiten ab, dazu Angaben zu Haltung, Fütterung, Impfungen, Entwurmung, Kastration und Todesursache.
Insgesamt kamen 1708 ausgefüllte Fragebögen für Hunde mit FCI-Abstammungspapieren zusammen, dazu 352 Bögen für Hunde aus unkontrollierter Zucht ohne Papiere. Diese beiden Gruppen wertete Brümmer getrennt aus und stellte sie einander gegenüber. Mit Abstand am stärksten vertreten war der Golden Retriever, allein von dieser Rasse stammten 962 Bögen. Die durchschnittliche Lebenserwartung berechnete sie aus den Angaben zu 263 bereits verstorbenen Tieren.
Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Befragung von Besitzern, nicht um eine klinische Erhebung mit tierärztlicher Diagnose bei jedem Hund. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Man bekommt einen breiten Einblick in den Alltag tausender Hunde, muss aber damit rechnen, dass Erinnerungen, Laien-Einschätzungen und die Bereitschaft, überhaupt zu antworten, das Bild färben.
Lebenserwartung und Todesursachen
Die wohl meistzitierte Zahl der Arbeit ist die durchschnittliche Lebenserwartung von 8,91 Jahren über alle Retriever hinweg. Ein deutlicher Unterschied zeigte sich zwischen den Geschlechtern, denn Hündinnen wurden im Schnitt rund anderthalb Jahre älter als Rüden. Eine Abhängigkeit von der Anzahl der Krankheiten pro Hund ließ sich dagegen statistisch nicht belegen.
Bei den Todesursachen trat ein Thema klar in den Vordergrund. Krebserkrankungen waren mit über 50 Prozent die mit weitem Abstand häufigste Todesursache. An zweiter Stelle folgten neurologische Erkrankungen mit 12,3 Prozent. Damit bestätigte die Arbeit das, was viele Retrieverhalter aus dem eigenen Umfeld kannten, in Zahlen: Der Tumor ist bei diesen Rassen nicht eine Erkrankung unter vielen, sondern der bestimmende Grund für einen frühen Tod.
Krebs als das große Thema
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den Rassen. Beim Golden Retriever traten Krebs- und Herzerkrankungen fast doppelt so häufig auf wie beim Labrador. Noch häufiger als beim Golden waren Krebserkrankungen beim Flat Coated Retriever. Damit steht der Flat in dieser Auswertung an der Spitze der Krebsbelastung, was sich mit dem Ruf der Rasse als „Krebs-Risiko-Rasse“ deckt und mit späteren, gezielt auf den Flat ausgerichteten Studien aus dem Ausland übereinstimmt.
Im Gegenzug zeigte der Flat bei anderen Erkrankungen Vorteile. Epileptische Anfälle etwa traten beim Labrador rund fünfmal so häufig auf wie beim Flat. Jede Rasse bringt also ihr eigenes Risikoprofil mit, und beim Flat dominiert eben der Krebs.
Die häufigsten Krankheiten im Alltag
Neben den Todesursachen erfasste die Studie auch, woran die Hunde zu Lebzeiten erkrankten. Die am häufigsten genannte Einzelerkrankung war die Allergie. Bei den Hunden aus unkontrollierter Zucht wurde sie 46 Mal genannt, was 13,1 Prozent dieser Gruppe entsprach. Erkrankungen des Bewegungsapparats betrafen insgesamt 20,6 Prozent aller Hunde, also rund jeden fünften.
Auch hier zeigten sich rassetypische Schwerpunkte. Labrador Retriever litten fast doppelt so oft an Ellenbogendysplasie wie Golden Retriever. Beim Golden fielen dagegen chronischer Durchfall und Schilddrüsenunterfunktion gehäuft auf. Solche Unterschiede sind für die Zucht wertvoll, weil sie zeigen, wo eine Rasse genauer hinschauen sollte.
Die überraschenden Zusammenhänge
Den eigentlichen Diskussionsstoff lieferte die Studie mit einer Reihe von Beobachtungen, die so nicht zu erwarten waren. Diese Punkte sollte man allerdings mit Vorsicht lesen, weil eine Besitzer-Befragung Zusammenhänge sichtbar machen kann, ohne die Ursache zu beweisen. Beobachtete Verbindungen sind keine belegten Ursache-Wirkungs-Ketten.
Brümmer fand unter anderem ein erhöhtes Allergierisiko bei selten entwurmten und selten geimpften Tieren. Sie beschrieb ein erhöhtes Borreliose-Risiko ausgerechnet bei Hunden, die gegen Borreliose geimpft waren. Bei Durchfallerkrankungen lag das Risiko der Rüden doppelt so hoch wie das der Hündinnen, und Tiere, die als Junghunde mit Antibiotika behandelt worden waren, hatten ein mehr als vierfach erhöhtes Durchfallrisiko. Hunde mit epileptischen Anfällen waren häufiger früh kastriert als Hunde ohne Epilepsie, wobei die Autorin ausdrücklich betonte, dass sich daraus kein ursächlicher Zusammenhang ableiten ließ.
Heikel und oft missverstanden ist die Beobachtung zur Fütterung. Von den 117 an Allergie erkrankten Hunden wurde ein auffällig hoher Anteil von 47,9 Prozent mit Frischfutter ernährt, und Hunde mit überwiegend Trockenfutter waren seltener krank. Daraus den Schluss zu ziehen, Frischfutter mache krank, wäre falsch. Viel wahrscheinlicher ist die umgekehrte Richtung, denn Halter eines allergischen Hundes stellen häufig gerade deshalb auf Frischfutter um, weil ihr Tier bereits Probleme hat. Genau solche Effekte zeigen, warum man die Ergebnisse einer Befragung als Hinweis lesen sollte und nicht als Beweis.
Was die Arbeit für den Flat bedeutet
Einordnung und Grenzen
Für den Flat Coated Retriever liefert die Gießener Studie die deutschen Grundzahlen, auf die sich bis heute viele Texte stützen. Eine durchschnittliche Lebenserwartung um die neun Jahre, Krebs als häufigste Todesursache und die Spitzenstellung beim Tumorrisiko unter den Retrievern. Das passt zu den späteren britischen Erhebungen, etwa der Kohortenstudie von Dobson und Kollegen aus dem Jahr 2009, in der Tumorhunde im Median nur neun Jahre alt wurden. Wer sich also fragt, warum in der Flat-Szene das Erreichen des zehnten Geburtstags gefeiert wird, findet bei Brümmer einen der frühen, sauber dokumentierten Belege dafür.
So wertvoll die Arbeit ist, sie hat klare Grenzen, die man fairerweise mitnennt. Die Daten beruhen auf Selbstauskünften der Besitzer, nicht auf einheitlichen Diagnosen. Wer einen Fragebogen über die Gesundheit seines Hundes ausfüllt, hat oft ein besonderes Interesse am Thema, was die Auswahl der Teilnehmer beeinflussen kann. Die Zahl der für die Lebenserwartung ausgewerteten verstorbenen Tiere ist mit 263 zwar brauchbar, aber nicht riesig, und sie verteilt sich auf sechs Rassen. Einzelne der überraschenden Zusammenhänge stehen bis heute ohne unabhängige Bestätigung da.
Trotzdem bleibt die Dissertation ein wichtiger Bezugspunkt. Sie war eine der ersten breit angelegten deutschen Erhebungen, die das Krebsthema bei Retrievern nicht beschönigte, sondern in Prozentzahlen sichtbar machte. Für die Zucht, für die Aufklärung von Welpenkäufern und für jeden, der die Gesundheit dieser Rassen ehrlich einschätzen will, ist sie deshalb bis heute lesenswert.
Quelle
Brümmer, Anne (2008): Gesundheit, Krankheitshäufigkeiten und Todesursachen bei Retrievern. Auswertungen einer Besitzer-Befragung. Inaugural-Dissertation, Fachbereich Veterinärmedizin, Justus-Liebig-Universität Gießen. Frei verfügbar über den Dokumentenserver der Universität (geb.uni-giessen.de, Volltext-PDF, urn:nbn:de:hebis:26-opus-66842).

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