Ignorieren in der Hundeerziehung

Ignorieren in der Hundeerziehung- warum es manchmal doch wichtig ist

Dein Hund bellt am Gartenzaun, springt Besuch an oder rastet an der Leine aus, sobald ein anderer Hund auftaucht. In jedem zweiten Ratgeber liest Du dann denselben Satz: Ignorier ihn einfach. Kein Blick, kein Wort, dreh Dich weg. Der Rat klingt sanft und gewaltfrei, deshalb wird er so gern weitergegeben. In der Praxis führt er allerdings zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, warum Dein Hund das Verhalten überhaupt zeigt und wie lange Du das Ignorieren durchhältst. In der Regel bringt ignorieren in solchen Situationen aber absolut nichts.

Du brauchst in solche Situationen klare Regeln, der Hund muss lerne, sich runter zu regulieren und braucht Training zur Selbstkontrolle.

Ich habe für Dich ein paar Ratgeber geschrieben zu diesen Themen ⬆️ die Du Dir sofort herunterladen kannst ( diese Button führen Dich direkt zum Download ):

Meine Haltung dazu ist deutlich: Als Dauerzustand hat Ignorieren in einer Beziehung zum Hund nichts verloren. Auch nicht über „Nur ein paar Stunden“ oder womöglich „einige Tage“ oder so seltsame Methoden wie „Darf nicht mehr aufs Sofa, weil er andere Hunde anbellt“ und schon gar nicht „Muss kastriert werden, dann wird es besser“

Mir stellen sich bei solchen Traineraussagen echt die Nackenhaare auf 😅

Als kurzer, klar begrenzter Baustein von wenigen Momenten kann es dagegen genau das Werkzeug sein, das eine festgefahrene Situation löst. In diesem Beitrag bekommst Du beides. Die lerntheoretischen Hintergründe, die Forschung zur Bindung zwischen Hund und Mensch und einen echten Trainingsfall aus meiner Arbeit, in dem wir bewusst mit Ignorieren arbeiten.

Was im Hund passiert, wenn Du ihn ignorierst

Der Fachbegriff dafür heißt Löschung, in der Lerntheorie auch Extinktion. Dahinter steckt eine simple Beobachtung, die B. F. Skinner in den 1930er Jahren beschrieben hat: Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt. Bleibt die Belohnung dauerhaft aus, verliert das Verhalten seinen Zweck und verschwindet nach einer Weile aus dem Programm.

Übersetzt auf den Alltag heißt das: Dein Hund stupst Dich am Schreibtisch an, Du streichelst ihn. Das Anstupsen wird zuverlässig bezahlt, also stupst er wieder. Streichelst Du ab jetzt konsequent gar nicht mehr, geht die Rechnung für ihn irgendwann nicht mehr auf, und das Anstupsen wird seltener. Genau dieser Vorgang ist gemeint, wenn Hundetrainer vom Ignorieren sprechen. In der Fachsprache läuft er auch unter negativer Strafe, weil Du etwas Angenehmes wegnimmst.

Ignorieren wirkt nur bei einer ganz bestimmten Sorte Verhalten

Der häufigste Fehler beim Ignorieren liegt vor dem Training. Er liegt in der Frage, wofür Dein Hund das Verhalten überhaupt zeigt. Löschung funktioniert ausschließlich dann, wenn Deine Aufmerksamkeit tatsächlich der Lohn ist. Bei diesen Verhaltensweisen ist das oft der Fall:

Anspringen zur Begrüßung, Betteln am Tisch, Anstupsen und Pfote auflegen, Fiepen vor der Zimmertür, Bellen, das eindeutig Dir gilt, Spielzeug kläffend vor die Füße werfen, sobald Du telefonierst.

Bei solchen Verhaltensweisen liegt der Grund für das Verhalten aber woanders und Deine Aufmerksamkeit spielt eine Nebenrolle für den Hund:

Bellen aus Angst, Knurren wegen Schmerzen, Hetzen von Joggern und Radfahrern, Zerstören aus Trennungsstress, Graben, Kaninchenjagen, Kotfressen, Ressourcenverteidigung am Napf.

Ein Hund, der einem Radfahrer hinterherhetzt, bezahlt sich selbst. Das Rennen fühlt sich gut an, der Radfahrer verschwindet, alles hat geklappt. Ob Du dabei zuschaust oder wegguckst, verändert an dieser Rechnung nichts. Ein Hund mit Schmerzen im Rücken knurrt, weil ihm die Berührung wehtut. Ignorierst Du das Knurren, bleiben die Schmerzen und der Hund lernt, dass sein leises Signal ohne Antwort bleibt. Beim nächsten Mal wählt er ein deutlicheres.

Bevor Du also über Ignorieren nachdenkst, klärst Du die Funktion. Frag Dich bei jedem unerwünschten Verhalten:

Was hat mein Hund unmittelbar davon?

Frage dich folgendes: ist sein Verhalten selbstbelohnend ( zb bei Jagdverhalten) oder sogar eine Reaktion aus Stress oder Angst?

Passier es aus Frust, Schmerz, fehlenden Vertrauen oder mangelnder Impulskontrolle sind das die Bausteine, an denen Du trainieren musst.

Was passier beim Ignorieren

Wenn Ignorieren zum Verhalten passt und Du damit anfängst, passiert zuerst das Gegenteil dessen, was Du erwartest. Das Verhalten nimmt zu. Es wird lauter, länger, hektischer, und Dein Hund probiert Varianten aus, die er vorher nie gezeigt hat. Aus dem Anstupsen wird Bellen, aus dem Bellen wird Anspringen mit Krallen am Arm.

Dieser Vorgang heißt Löschungstrotz oder Extinktionsburst und ist in der Verhaltensforschung sauber dokumentiert. Er ist ein gutes Zeichen, denn er zeigt, dass Dein Hund die Regeländerung bemerkt hat. Er ist gleichzeitig die Stelle, an der die meisten Menschen aufgeben. Genau dieses Aufgeben macht das Problem größer als vorher, weil Dein Hund lernt: Wenn ich lange genug lauter werde, klappt es doch. Verhalten, das nur ab und zu belohnt wird, ist deutlich haltbarer als Verhalten, das jedes Mal belohnt wird. Der Spielautomat funktioniert nach demselben Prinzip.

Wichtig ist der zweite Teil dieser Geschichte, den die meisten Ratgeber weglassen. Löschung wirkt auf das sichtbare Verhalten. Auf das Gefühl darunter wirkt sie kaum. Ein Hund kann aufhören, an der Leine zu bellen, und trotzdem weiter jedes Mal Angst haben, wenn ihm ein Hund entgegenkommt. Wer nur die Lautstärke abstellt, hat den Hund unter Umständen still gemacht und innerlich alles beim Alten gelassen. Für die Beurteilung von Trainingserfolgen ist das der entscheidende Punkt.

Dazu kommt eine Beobachtung, die im Hundetraining selten erwähnt wird. Azrin, Hutchinson und Hake haben 1966 gezeigt, dass Tauben in dem Moment, in dem die gewohnte Belohnung ausbleibt, einen danebensitzenden Artgenossen angriffen. Das Phänomen trägt seitdem den Namen extinktionsinduzierte Aggression und wurde später bei mehreren Arten bis hin zum Menschen gefunden. Für die Praxis heißt das: Frust erzeugt Druck, und dieser Druck sucht sich ein Ziel. Ein Hund, dem Du im falschen Moment die gewohnte Reaktion entziehst, kann in Richtung Leine, Hosenbein oder Zweithund gehen. Deshalb gehört Ignorieren bei Hunden mit aggressivem Verhalten in fachkundige Hände und braucht ein Umfeld, in dem niemand zu Schaden kommt.

Aber von solchen extrem schwierigen Hunden reden wir hier nicht, denn die gehören in Einzelstunden mit erfahrenen Hundetrainern.

Wir sprechen hier von Alltagsproblemen.

Zurück zum Frust, welches Du durch ignorieren gut bekämpfen kannst:

Wenn das Verhalten dann endlich weg ist, taucht es nach einer Pause manchmal von selbst noch einmal auf, ohne dass Du irgendetwas falsch gemacht hast. Diese Spontanerholung hat Mark Bouton ausführlich beschrieben. Sie fällt bei jedem Mal schwächer aus. Dein Job in diesem Moment ist Ruhe und dieselbe Konsequenz wie beim ersten Mal.

Was langes Ignorieren mit der Beziehung macht

Hier wird es für mich grundsätzlich. Hunde binden sich an ihre Menschen auf eine Weise, die der Bindung kleiner Kinder an ihre Eltern verblüffend ähnlich sieht.

Diese Rolle als sichere Basis steht auf dem Spiel, wenn Ignorieren zum Erziehungsstil wird. Der Hund, der eine halbe Stunde Schweigen bekommt, weil er in die Wohnung gemacht hat, versteht den Zusammenhang zu seiner Pfütze nicht. Er erlebt, dass sein Sozialpartner ohne erkennbaren Anlass abschaltet. Was er lernt, ist Unsicherheit über den Menschen selbst.

Der schwerwiegendste Punkt betrifft die Kommunikation. Ein Hund, dessen Signale über Monate ohne Antwort bleiben, hört auf, sie zu senden. Hunde, die nicht mehr knurren, weil das Knurren immer ignoriert oder sogar verboten wurde, schnappen irgendwann ohne Ankündigung. Ich möchte jedes Signal meines Hundes hören, gerade die leisen.

Der Fall aus meinem Training: der Hund, der an der Leine ausrastet

Ich betreue gerade eine Hundehalterin aus der Nachbarschaft mit einem kleinen Hund, der an der Leine komplett hochfährt. Bellen, Springen, Toben, dauerhaft in der Leine hängen. Die Frau hat vorher mit anderen Trainerinnen gearbeitet und dabei einiges gelernt, das ich sofort gestrichen habe: anschreien, herunterdrücken, mit Gegenständen werfen, mit der Wasserpistole nassspritzen.

Alle vier Methoden geben dem Hund genau das, was seinen Zustand befeuert, nämlich Aufregung und Bedrohung von der Person, die ihm eigentlich Sicherheit geben soll.

Der Hund hatte über Monate eine sehr klare Erfahrung gesammelt. Sein Ausbruch setzt die gesamte Umgebung in Bewegung. Frauchen wird hektisch, die Stimme geht hoch, die Leine wird kurz, Passanten schauen, andere Hundehalter reagieren. Für einen aufgeregten Hund ist das ein Riesenspektakel. Sein Verhalten hat die Welt sicher im Griff, und jedes Mal ging es einen Zacken schärfer.

Wir arbeiten jetzt an zwei Stellen gleichzeitig.

Der erste Teil ist der wichtigere: Wir suchen die guten Momente. Jeder Hund holt zwischendurch Luft, atmet aus, blinzelt, wendet den Kopf ein Stück ab. Diese Sekunden bezahlen wir sofort mit einem kleinen Käsewürfel. Damit bekommt das Ruhigwerden zum ersten Mal einen Wert. Der Hund lernt, dass sich Luftholen lohnt, während sich Toben nicht mehr lohnt. Diese Kombination ist der eigentliche Motor. Löschung allein hinterlässt ein Loch, in das jedes beliebige Verhalten fallen kann. Löschung plus bezahltes Alternativverhalten gibt dem Hund eine Antwort auf die Frage, was er stattdessen tun soll.

Der zweite Teil ist das Ignorieren und wir machen es sehr betont. Die Halterin hält den Hund am Geschirr fest, mein Fuß steht auf der Leine. Der Hund hat wenig Bewegungsspielraum und keine Möglichkeit, irgendwo hinzulaufen oder an uns hochzuspringen. Ansonsten passiert nichts. Wir drehen uns weg und unterhalten uns über Belanglosigkeiten. Wir reden im normalen Ton, obwohl wir uns evtl. nicht verstehen 😅 weil der Hund so laut ist, und wir plaudern trotzdem freundlich weiter über das Wetter und den Garten. Der Hund

darf in dieser Zeit bellen, toben und sich aufregen, so viel er möchte.

Weil: bisher hat er immer erfahren, dass sein Herumgetobe Aufregung verursacht, Das hat ihn noch aufgeregter gemacht, so dass er vermutlich selbstverständlich nicht mehr wusste, was und warum er das macht.

Jetzt erfährt er das erste Mal, das wir uns gar nicht aufregen. Wir stehen total entspannt herum und unterhalten uns.

Der Hund erfährt : Huch, vielleicht ist die Situation gar nicht so aufregend, wie ich immer gedacht habe, denn die Menschen sind entspannt und ich bin der einzige, der irgendwie aufgeregt ist.

Wichtig: die Erziehung und das Training beginnt hier noch nicht, also die Übung führt nicht dazu, dass der Hund nun auf wundersamer Weise nicht mehr kläffen wird bei anderen Hunden. Wir setzen die Übung im Prinzip davor, vor den eigentlichen Begegnungstraining, wo ich hier zum Beispiel eine Übung aufgeschrieben habe

Hundebegegnungen im Zick Zack Kurs und hier habt ihr auch noch mal ein paar Infos über Hundebegegnungen

Zurück zum Ignorieren bei Hundebegnungen

Für die Halterin ist dieser Small Talk der schwerste Teil. Er ist zugleich der wirksamste, aus zwei Gründen. Erstens nimmt er ihren Fokus vom Hund weg. Solange sie auf ihn starrt und innerlich mitzählt, bleibt sie angespannt, hält die Leine kurz und atmet flach. Der Hund liest das mit. Ein Gespräch über Belanglosigkeiten verändert Atmung, Muskelspannung und Leinenführung tatsächlich. Zweitens sieht der Hund zum ersten Mal zwei Menschen, denen sein Auftritt gleichgültig ist. Der Ausbruch, der bisher die ganze Welt in Bewegung setzte, bewegt jetzt gar nichts mehr.

Wir sprechen dabei von Minuten. Sobald der Hund die erste Atempause zeigt, sind wir wieder da, geben Käse und arbeiten weiter mit ihm. Die Person bleibt in dieser Zeit körperlich bei ihm, hält ihn ruhig am Geschirr und lässt ihn sicher stehen. Ignoriert wird das Verhalten, der Hund selbst bleibt in Kontakt.

Lese hier noch mal darüber, wie wichtig Timing in der Hundeerziehung ist

Die Grenze zum Überfluten und wie Du sie erkennst

An dieser Stelle gehört Ehrlichkeit dazu, weil dieselbe Übung bei falscher Anwendung in etwas ganz anderes kippt. Reizüberflutung, im Fachjargon Flooding, bedeutet: Der Hund wird dem Auslöser in voller Stärke ausgesetzt, kann nicht weg und bleibt so lange darin, bis die Reaktion erschöpft ist. Was dann eintritt, sieht von außen wie Ruhe aus. Innen ist es häufig erlernte Hilflosigkeit, also die Erfahrung, dass jedes eigene Verhalten am Ergebnis nichts ändert. Diese Hunde werden still, verlieren aber ihre Bereitschaft, überhaupt noch etwas zu versuchen, und reagieren oft an ganz anderen Stellen plötzlich heftig.

Drei Punkte halten die Übung auf der richtigen Seite dieser Grenze.

Die Zeit. Wir reden über Sekunden oder 1-2 Minuten innerhalb einer Trainingseinheit und über kurze Tagesabschnitte, in denen ein Verhalten unbeantwortet bleibt. Stunden, ganze Nachmittage oder tagelanges Schweigen als Erziehungsmaßnahme haben in einer Beziehung keinen Platz.

Der Abstand. Der Auslöser bleibt weit genug entfernt, dass der Hund die Kurve von allein kriegen kann. Der Sinn der Übung liegt darin, dass der Hund innerhalb dieser Minuten von selbst herunterkommt und dafür bezahlt wird. Bleibt er im roten Bereich, war der Abstand zu klein, und die Antwort heißt mehr Distanz statt mehr Durchhalten.

Der Grund des Verhaltens. Bei Frust und hoher Erregung passt diese Arbeit gut, denn der Hund fährt hoch, weil er hin will und die Welt bisher mitspielte. Bei echter Angst ändert sich die Reihenfolge. Ein ängstlicher Hund braucht zuerst Abstand und einen Menschen, der ansprechbar bleibt. Ihn festzuhalten und wegzuschauen, während er in Panik gerät, ist die Zutatenliste für erlernte Hilflosigkeit.

Beende die Übung sofort und schaffe Abstand, wenn der Hund massiv hechelt und dabei die Zunge breit und löffelförmig wird, wenn er zittert, sich einnässt, in die Leine beißt, umgeleitet auf die Person losgeht, oder wenn er mitten im Toben abrupt erstarrt und auf seinen Namen keinerlei Regung mehr zeigt. Diese Zeichen sagen Dir, dass die Situation über dem liegt, was er verarbeiten kann.

Ich schreibe euch die Tage noch mal ausführlicher über den Abstand bei dieser Übung oder generell bei Hundebegegnungen. Also gern den Blog abonnieren, dann verpasst ihr nichts mehr

Auszeit und Ignorieren sind zwei verschiedene Dinge

In vielen Hundeschulen läuft unter dem Stichwort Ignorieren noch etwas ganz anderes: die Auszeit. Der Hund kommt bei unerwünschtem Verhalten für eine kurze Zeit aus der Situation heraus, hinter eine Tür, in einen anderen Raum, an die angebundene Leine. Lerntheoretisch ist das verwandt, weil Du auch hier etwas Angenehmes entziehst. Für den Hund fühlt es sich allerdings deutlich anders an, weil er zusätzlich aus der Gruppe entfernt wird.

Bei Junghunden, die sich in der Erregung hochschaukeln und selbst kaum noch herausfinden, kann eine kurze Unterbrechung sinnvoll sein. Der Rahmen entscheidet über die Wirkung. Sie dauert Sekunden bis maximal zwei Minuten, sie kommt sofort nach dem Verhalten, sie läuft ruhig und wortlos ab, und der Ort ist ein neutraler Platz statt der Schlafbox oder eines Raums, den der Hund ohnehin unangenehm findet. Danach bekommt er eine echte Gelegenheit, es besser zu machen, und wird dafür bezahlt.

Aus dem Ruder läuft die Auszeit, sobald sie zur Strafmaßnahme wird. Zehn Minuten hinter der Küchentür, dazu ein zorniger Tonfall und der Griff ins Halsband: Der Hund verknüpft in dieser Form vor allem Deine Hände und Deine Stimme mit etwas Unangenehmem. Bei Hunden mit Trennungsstress fällt die Auszeit ohnehin flach, weil das Alleinsein für sie der eigentliche Auslöser ist.

Die typischen Fehler beim Ignorieren

Halbes Ignorieren ist der häufigste. Ein kurzer Blick, ein Zischen, ein Griff ins Halsband, ein genervtes Seufzen. All das ist Aufmerksamkeit und hält das Verhalten am Leben. Ignorieren heißt Steingesicht, abgewandter Körper und stilles Weiteratmen.

Wechselhaftes Ignorieren ist der teuerste. Fünf Tage konsequent und am sechsten Tag doch nachgeben macht das Verhalten haltbarer als vorher. Sinnvoller ist es, mit einer Situation anzufangen, die Du wirklich jedes Mal durchhältst, und den Rest zunächst über Management zu regeln.

Ignorieren ohne Alternative lässt den Hund ratlos zurück. Bezahle immer parallel das Verhalten, das Du haben möchtest. Vier Pfoten am Boden, Blick zu Dir, ruhiges Liegen auf der Decke.

Ignorieren des Hundes statt des Verhaltens beschädigt die Beziehung. Der Unterschied liegt in Deinem Kopf und im Zeitraum. Zehn Sekunden Steingesicht beim Anspringen sind Training. Eine Stunde Schweigen, weil Du sauer bist, ist etwas anderes.

Ignorieren bei körperlichen Ursachen verzögert die Diagnose. Nächtliches Fiepen, plötzliches Anstupsen, verändertes Verhalten beim Anfassen, all das gehört zuerst tierärztlich abgeklärt.

Ignorieren bei Trennungsstress verschärft das Problem, weil der Hund allein sein an sich als bedrohlich erlebt. Hier arbeitest Du in winzigen Zeitschritten, mit Aufbau statt Aussitzen.

So baust Du es sauber auf

Zuerst klärst Du die Ursache. Schmerz und Krankheit raus, dann die Funktion des Verhaltens bestimmen. Notiere über eine Woche, was jeweils direkt davor und direkt danach passiert. Diese Notizen zeigen Dir zuverlässiger als jedes Bauchgefühl, wofür Dein Hund sein Verhalten zeigt.

Dann senkst Du das allgemeine Erregungsniveau. Ein Hund, der ohnehin dauernd unter Strom steht, kommt in keiner Übung herunter. Ausreichend Schlaf, feste Ruhezeiten, Schnüffelarbeit und weniger Ballspiele bringen bei reaktiven Hunden häufig mehr als jede einzelne Trainingsübung.

Dann richtest Du Management ein, damit das Verhalten in der Zwischenzeit seltener geübt wird. Andere Wegführung, größerer Abstand, ruhigere Tageszeiten, ein gut sitzendes Geschirr mit Ring auf dem Rücken. Bei kurzbeinigen Rassen und langen Rücken bitte kein Geschirr mit Ring auf der Brust, weil die Umlenkung dort die Wirbelsäule belastet.

Dann startest Du das eigentliche Training. Kurze Einheiten von fünf bis zehn Minuten, hochwertiges Futter für die guten Momente, klare Regeln für Dich selbst. Halte vorher fest, wie lange Du ignorierst und woran Du erkennst, dass Du abbrichst.

Zum Schluss dokumentierst Du. Wie viele Sekunden hat es heute gedauert, bis er Luft geholt hat? Wie nah war der andere Hund? Fortschritte in diesem Bereich sind langsam und im Alltag kaum spürbar. Auf dem Papier sieht man sie.

Das Wichtigste in Kürze

Ignorieren wirkt bei Verhalten, das auf Deine Aufmerksamkeit zielt. Bei Angst, Schmerz, Jagdverhalten und Selbstbelohnung braucht es andere Wege.

Am Anfang wird das Verhalten stärker. Dieser Löschungstrotz ist der Beweis dafür, dass Dein Hund die Änderung verstanden hat.

Das Gefühl unter dem Verhalten verändert sich durch Ignorieren kaum. Dafür brauchst Du Abstand, Zeit und die Verknüpfung des Auslösers mit etwas Gutem.

Belohne immer parallel, was Du stattdessen haben möchtest. Der bezahlte Atemzug ist wertvoller als jede Sekunde Schweigen.

Rechne in Sekunden und Minuten. Dein Hund braucht Dich als sichere Basis, und diese Rolle hältst Du nur, wenn Du ansprechbar bleibst.

Ignoriert wird das Verhalten. Der Hund bleibt Dein Sozialpartner, auch mitten im lautesten Ausbruch.


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