Zoomies

Einfach mal komplett sinnlos eskalieren

Warum haben Hunde ihre fünf Minuten?

Gerade lag dein Hund noch friedlich auf dem Teppich. Eine Sekunde später rast er mit eingeklemmtem Hinterteil durch das Wohnzimmer, nimmt die Sofaecke in einer Geschwindigkeit, die physikalisch eigentlich nicht vorgesehen war, dreht eine Runde um den Tisch und schießt wieder zurück. Vielleicht knurrt er dabei spielerisch, springt mit den Vorderbeinen auf den Boden, rast noch zwei Runden und fällt anschließend um, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Viele Hundehalter kennen diese berühmten „fünf Minuten“. Besonders Welpen und junge Hunde scheinen gelegentlich einen unsichtbaren Turbo-Knopf zu besitzen.

Das Verhalten hat sogar einen Namen: Zoomies. In der Fachsprache wird häufig von Frenetic Random Activity Periods, kurz FRAPs, gesprochen.

Und zunächst die wichtigste Nachricht: Solche kurzen wilden Rennanfälle sind bei Hunden normalerweise vollkommen normales Verhalten. Besonders häufig sieht man sie bei Welpen und jungen Hunden, aber auch erwachsene und sogar ältere Hunde können gelegentlich ihre fünf Minuten bekommen. Die Cornell University beschreibt FRAPs als plötzlich auftretende Phasen sehr intensiver Aktivität, die beispielsweise am Abend, beim Spielen, nach aufregenden Ereignissen oder auch nach dem Kotabsatz auftreten können. (Veterinärmedizin Cornell)

Was sind Zoomies beim Hund?

Zoomies beginnen meistens ziemlich plötzlich.

Typisch ist ein Hund, der ohne erkennbares Ziel lossprintet. Manche Hunde rennen große Kreise, andere Achter oder schießen zwischen zwei Zimmern hin und her. Häufig wird das Hinterteil etwas abgesenkt, die Rute verändert ihre Haltung und die Bewegungen wirken ausgelassen und überdreht.

Dazu können Spielaufforderungen, schnelle Richtungswechsel, Sprünge oder kurze Stopps kommen.

Und ebenso plötzlich, wie die Sache angefangen hat, kann sie wieder vorbei sein.

Der wissenschaftlich verwendete Ausdruck Frenetic Random Activity Period beschreibt das eigentlich ziemlich treffend: eine kurze Phase hektischer, scheinbar zufälliger Aktivität.

Die Bezeichnung klingt allerdings erheblich seriöser als das, was man sieht, wenn 25 Kilogramm Hund mit einem Teppichläufer um die Hüfte durch das Wohnzimmer donnern.

Warum bekommen Hunde Zoomies?

Hier wird es interessant, denn über die genaue Ursache wissen wir weniger, als die unzähligen Erklärungen im Internet vermuten lassen.

Es gibt bislang keine einzelne wissenschaftlich belegte Ursache für Zoomies. Die Veterinärmedizin geht vielmehr davon aus, dass unterschiedliche Auslöser eine Rolle spielen können.

Die Cornell University nennt beispielsweise aufgestaute Energie, starke Erregung und möglicherweise auch den Abbau von Stress. Zoomies treten außerdem häufig in bestimmten Situationen auf: wenn der Mensch nach Hause kommt, während oder nach dem Spielen, spät am Abend, nach einer aufregenden Situation oder wenn ein Hund längere Zeit wenig Gelegenheit zur Aktivität hatte. (Veterinärmedizin Cornell)

Das passt zu einer wichtigen Beobachtung: Zoomies sind nicht immer dasselbe.

Ein Hund kann vor Freude durch den Garten rasen. Ein anderer rennt nach dem Baden los. Ein Welpe bekommt jeden Abend ungefähr zur gleichen Zeit seine wilden Minuten. Und wieder ein anderer schießt nach dem großen Geschäft plötzlich über die Wiese.

Das sichtbare Verhalten sieht ähnlich aus, der vorausgehende Zustand kann aber unterschiedlich gewesen sein.

Warum haben besonders Welpen ihre fünf Minuten?

Zoomies kommen bei Welpen und Junghunden besonders häufig vor und werden mit zunehmendem Alter bei vielen Hunden seltener. Auch erwachsene Hunde können sie allerdings weiterhin zeigen. (Veterinärmedizin Cornell)

Bei Welpen kommt einiges zusammen.

Ihr Alltag besteht aus einem ständigen Wechsel zwischen Schlaf, Erkunden, Spielen, Lernen und neuen Eindrücken. Gleichzeitig müssen sie erst lernen, mit Erregung umzugehen und anschließend wieder zur Ruhe zu finden.

Ein Welpe erlebt außerdem an einem völlig gewöhnlichen Tag Dinge, die für einen erwachsenen Hund längst kalter Kaffee sind.

Das Müllauto macht Krach. Ein fremder Hund läuft vorbei. Der Nachbar öffnet einen Regenschirm. Im Garten liegt plötzlich eine Gießkanne an einer anderen Stelle. Jemand kommt zu Besuch. Dann gab es Training, einen Spaziergang und ein aufregendes Spiel.

Für einen jungen Hund kann das eine ganze Menge Input sein.

Und dann kommt am Abend gelegentlich der Moment, in dem das kleine Hundehirn offenbar beschließt: Jetzt einmal alles gleichzeitig.

Warum drehen Welpen besonders abends auf?

Das Phänomen ist so bekannt, dass Hundehalter gern von der Witching Hour, also einer Art „Geisterstunde“ des Welpen, sprechen.

Der Welpe wird am Abend nicht ruhiger, sondern scheinbar immer wilder. Er rennt herum, schnappt vielleicht häufiger nach Händen oder Kleidung, springt hoch, reagiert schlechter und findet kaum noch in die Ruhe.

Genau hier passiert häufig ein Denkfehler:

„Der hat noch so viel Energie. Den muss ich jetzt richtig auspowern.“

Manchmal kann tatsächlich noch nicht ausreichend befriedigtes Bewegungs- oder Beschäftigungsbedürfnis dahinterstecken. Aber gerade bei Welpen kann auch das Gegenteil eine Rolle spielen: Der Hund ist müde und gleichzeitig so aufgedreht, dass er nicht mehr gut zur Ruhe findet.

Veterinärmedizinische Verhaltensexperten führen Übermüdung beziehungsweise starke Übererregung ausdrücklich als möglichen Zusammenhang mit Zoomies auf. Gleichzeitig ist wichtig, daraus keine wissenschaftlich bewiesene Einheitsursache zu machen. FRAPs können auch bei Freude, aufgestauter Energie, Stress oder einfach während ausgelassenen Spiels auftreten. (American Kennel Club)

Zoomies bedeuten also nicht automatisch: Mein Hund braucht mehr Bewegung

Das ist wahrscheinlich der wichtigste praktische Punkt.

Wenn ein Hund herumrast, sieht das zunächst nach überschüssiger körperlicher Energie aus. Die logische menschliche Reaktion lautet dann schnell: noch eine Runde laufen, noch einmal Ball spielen oder den Welpen anderweitig beschäftigen.

Bei einem bereits müden und überreizten Welpen kann zusätzliche Action aber genau die falsche Richtung sein.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf den ganzen Tag.

Hat der Welpe gerade mehrere Stunden geschlafen und konnte sich anschließend kaum bewegen? Dann kann Bewegungsdrang durchaus eine Rolle spielen.

War er dagegen spazieren, hat Besuch erlebt, gespielt, trainiert und seit Stunden kaum richtig geschlafen? Dann würde ich nicht automatisch noch ein Unterhaltungsprogramm eröffnen.

Ein aufgedrehter Welpe ist nicht zwangsläufig ein unausgelasteter Welpe.

Manchmal braucht er nicht mehr Programm, sondern weniger.

Woran erkenne ich, dass mein Welpe möglicherweise übermüdet ist?

Ein einzelner Zoomie beweist überhaupt nichts. Interessanter wird das Gesamtbild.

Ein übermüdeter oder stark überreizter Welpe kann beispielsweise immer hektischer werden, schlechter zur Ruhe kommen, häufiger in Hände oder Kleidung schnappen, rastlos von einer Beschäftigung zur nächsten wechseln oder auf Reize stärker reagieren als vorher.

Manche Welpen wirken in diesem Zustand geradezu, als hätten sie plötzlich sämtliche Erziehung der vergangenen Wochen vergessen.

Das bedeutet nicht, dass jeder wilde Welpe dringend schlafen muss. Aber wenn die fünf Minuten regelmäßig nach einem langen, ereignisreichen Tag auftreten, lohnt es sich, den Tagesablauf und insbesondere die Ruhephasen anzuschauen.

Wie viel Schlaf brauchen Welpen?

Welpen verbringen einen sehr großen Teil ihres Tages schlafend oder ruhend. Wie viel genau ein einzelner Welpe benötigt, hängt unter anderem von Alter, Aktivität, Umgebung und Individuum ab.

Deshalb halte ich wenig von minutengenauen Internetregeln nach dem Motto: „Ein Welpe muss exakt X Stunden schlafen.“

Wichtiger ist, dass ein junger Hund ausreichend Gelegenheit bekommt, ungestört zu schlafen und Ruhe überhaupt zu lernen.

Denn Schlaf ist keine verlorene Trainingszeit.

Während des Schlafes laufen wichtige Prozesse im Gehirn ab, und Erfahrungen werden verarbeitet. Untersuchungen zum Schlaf von Hunden zeigen zudem, dass Schlaf und Lern- beziehungsweise Gedächtnisprozesse miteinander zusammenhängen. Das ist ein deutlich besserer Grund für vernünftige Ruhezeiten als die Vorstellung, man müsse einen Welpen möglichst den ganzen Tag beschäftigen.

Warum bekommen Hunde nach dem Baden Zoomies?

Ein weiterer Klassiker: Der Hund wird gebadet, abgetrocknet und verwandelt sich anschließend in eine Boden-Boden-Rakete.

Auch das ist ein häufig beschriebener Auslöser für Zoomies.

Dabei können mehrere Dinge zusammenkommen. Baden kann für einen Hund aufregend oder unangenehm sein. Nach dem Ende der Situation kann sich die aufgebaute Erregung entladen. Gleichzeitig fühlt sich nasses Fell anders an und viele Hunde wollen sich anschließend schütteln, reiben und wälzen.

Zoomies nach dem Baden müssen deshalb nicht bedeuten, dass dein Hund plötzlich ungeheuer viel überschüssige Energie besitzt. Sie können auch mit der vorausgegangenen Aufregung zusammenhängen. (PetMD)

Warum bekommen Hunde nach dem Koten ihre fünf Minuten?

Auch dieses Phänomen gibt es tatsächlich.

Manche Hunde setzen ihren Kot ab und starten unmittelbar danach eine kleine Ehrenrunde über die Wiese.

Cornell führt den Kotabsatz ausdrücklich als eine Situation auf, nach der FRAPs auftreten können. Warum genau einige Hunde danach losrennen, ist allerdings nicht abschließend geklärt. (Veterinärmedizin Cornell)

Man sollte deshalb vorsichtig mit allzu hübschen Erklärungen sein.

Vielleicht spielt Erleichterung eine Rolle, vielleicht die allgemeine Erregung rund um das Verhalten. Dass Hunde nach dem Geschäft Zoomies bekommen können, ist beobachtet. Warum genau, wissen wir bislang nicht sicher.

Und „wir wissen es noch nicht“ ist manchmal die wissenschaftlich sauberste Antwort.

Sind Zoomies ein Zeichen dafür, dass mein Hund glücklich ist?

Häufig sieht ein Hund während seiner Zoomies ausgesprochen ausgelassen aus.

Lockere Bewegungen, Spielaufforderungen und ein insgesamt spielerischer Kontext sprechen dafür, dass positive Erregung beteiligt sein kann.

Trotzdem würde ich Zoomies nicht pauschal mit „Mein Hund ist glücklich“ übersetzen.

Auch Stress und starke Erregung können mit FRAPs zusammenhängen. Ein Hund kann beispielsweise nach einer für ihn unangenehmen Situation plötzlich herumrasen.

Deshalb gilt auch bei den fünf Minuten die Grundregel für Hundeverhalten:

Nicht nur das Verhalten anschauen, sondern den Zusammenhang.

Was ist unmittelbar vorher passiert? Wie sieht die übrige Körpersprache aus? Wirkt der Hund spielerisch und locker oder hektisch und angespannt?

Erst daraus ergibt sich ein brauchbares Bild.

Soll ich meinen Hund bei seinen fünf Minuten stoppen?

Bei normalen Zoomies meistens nicht.

Wenn dein Hund auf einer sicheren Wiese oder in einem eingezäunten Garten zwei Minuten seine persönliche Formel-1-Qualifikation austrägt, besteht normalerweise kein Grund, das Verhalten zu unterbrechen.

Wichtiger ist die Sicherheit.

Auf glatten Böden können schnelle Richtungswechsel zu Stürzen führen. Treppen, scharfe Möbelkanten, Glastische und herumstehende Gegenstände sind ebenfalls keine ideale Rennstrecke. Draußen sollte ein Hund natürlich nicht unkontrolliert in Richtung Straße verschwinden können.

Gerade bei einem Welpen würde ich während eines Zoomies auch nicht versuchen, ihn hektisch einzufangen. Damit kann aus dem Rennen schnell noch ein wunderbares Fangspiel werden.

Besser ist es, die Umgebung sicher zu gestalten und die kurze Phase auslaufen zu lassen.

Muss ich meinen Hund nach den Zoomies beruhigen?

Nicht zwangsläufig aktiv.

Viele Hunde beenden ihre fünf Minuten von selbst und legen sich anschließend hin.

Bei einem Welpen, der abends regelmäßig überdreht, kann es allerdings sinnvoll sein, die Umgebung anschließend bewusst langweilig werden zu lassen.

Keine wilde Spielrunde hinterherschieben, nicht noch fünf Trainingsübungen anfangen und nicht versuchen, den Hund durch immer neue Beschäftigung „müde zu machen“.

Licht und allgemeine Aktivität können reduziert werden, der Hund bekommt die Möglichkeit, sich an einem ruhigen Ort hinzulegen, und der Tag darf irgendwann schlicht zu Ende sein.

Manchmal ist das beste Abendprogramm für einen Welpen tatsächlich: gar kein Programm.

Sollte ich Zoomies verhindern?

Normale gelegentliche Zoomies sind kein Verhalten, das man einem Hund abtrainieren müsste.

Viel interessanter ist die Frage, warum sie auftreten, wenn sie sehr häufig vorkommen.

Ein Hund, der nach einer längeren Ruhephase begeistert durch den Garten rast, zeigt ein anderes Gesamtbild als ein Welpe, der jeden Abend völlig überreizt wirkt und überhaupt nicht mehr zur Ruhe findet.

Im zweiten Fall würde ich nicht die Zoomies selbst bekämpfen, sondern den Tagesablauf betrachten.

Wie viel schläft der Hund tatsächlich? Wie viele neue Eindrücke verarbeitet er täglich? Wie viel körperliche Aktivität bekommt er? Gibt es ständig Beschäftigung? Hat er einen ruhigen Schlafplatz? Kann er überhaupt ungestört schlafen?

Gerade engagierte Welpenhalter machen manchmal unbeabsichtigt zu viel.

Spaziergang, Sozialisation, Hundeschule, Besucher, Stadttraining, Spiel, Suchspiel, Grundsignale, Ausflug und am Abend noch eine Runde „Auslastung“: Ein Welpe braucht nicht jeden Tag ein pädagogisches Festival.

Wann sind die fünf Minuten nicht mehr einfach normale Zoomies?

Ein typischer Zoomie ist kurz, plötzlich und selbstlimitierend. Der Hund wirkt ansonsten gesund und verhält sich vor und nach der Episode normal.

Genauer hinschauen sollte man, wenn das vermeintliche „Herumrasen“ ungewöhnlich aussieht, sehr häufig oder zwanghaft auftritt, der Hund sich dabei offensichtlich nicht kontrollieren kann oder weitere Auffälligkeiten hinzukommen.

Auch Schmerzreaktionen, Orientierungslosigkeit, Gleichgewichtsstörungen, Krampfgeschehen oder andere neurologische Auffälligkeiten sind natürlich keine Zoomies und gehören tierärztlich abgeklärt.

Bei einem Hund, der lediglich gelegentlich den Hintern einzieht und mit leuchtenden Augen drei Runden durch den Garten donnert, ist die Erklärung dagegen meistens erheblich unspektakulärer.

Er hat seine fünf Minuten.

Oder etwas wissenschaftlicher:

Er zeigt gerade eine Frenetic Random Activity Period.

Zoomies klingt allerdings eindeutig besser.

Warum haben Hunde ihre fünf Minuten? Die kurze Antwort

Die berühmten fünf Minuten beim Hund werden Zoomies genannt; fachlich spricht man von Frenetic Random Activity Periods (FRAPs). Dabei rast ein Hund plötzlich für kurze Zeit herum, dreht Kreise oder zeigt andere wilde, spielerisch wirkende Bewegungen.

Besonders häufig kommen Zoomies bei Welpen und Junghunden vor. Mögliche Auslöser sind starke Freude und Erregung, aufgestaute Energie, Stress oder bestimmte Übergangssituationen. Bei Welpen können die wilden Minuten am Abend außerdem mit Überreizung und Müdigkeit zusammenhängen.

Wichtig ist aber die Unterscheidung: Nicht jeder Hund mit Zoomies ist unausgelastet und nicht jeder Welpe mit Abend-Zoomies ist nachweislich übermüdet. Die genaue Ursache von FRAPs ist wissenschaftlich bislang nicht abschließend geklärt. (Veterinärmedizin Cornell)

Für den normalen Hundealltag reicht meistens eine wesentlich einfachere Erkenntnis:

Wenn dein Hund plötzlich den Turbo einschaltet, zwei Minuten durch den Garten rast und danach zufrieden auf seinem Platz einschläft, musst du nicht sofort an seinem Trainingsplan arbeiten.

Manchmal darf ein Hund einfach kurz Hund sein.

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