
Silberlabrador: Gibt es einen reinrassigen Labrador in Silber überhaupt?
Der Silberlabrador sieht auf den ersten Blick aus wie ein Labrador Retriever in einer außergewöhnlichen grauen Fellfarbe. Er wird als „Labrador Silber“, „Silver Lab“, „reinrassiger Silberlabrador“ oder sogar als Silberlabrador mit Papieren angeboten. Manche Züchter sprechen von einer seltenen Labradorfarbe, andere von einer besonders exklusiven Variante.
Genau hier lohnt sich ein genauer Blick.
Denn einen Labrador Retriever gibt es nach dem offiziellen Rassestandard nicht in Silber.
Der Labrador Retriever kommt in Schwarz, Gelb und Braun beziehungsweise Chocolate vor. Nicht in Silber. Nicht in Charcoal. Nicht in Champagne.
Der gültige FCI-Standard Nr. 122 nennt ausdrücklich ausschließlich Schwarz, Gelb und Braun beziehungsweise Liver/Chocolate. Andere Farben gehören nicht zum Rassestandard. Der Labrador Club Deutschland weist ebenfalls ausdrücklich darauf hin, dass aufgehellte Farben wie Silver, Charcoal und Champagne nicht standardgerecht sind und dort nicht als reinrassige Labrador Retriever gelten.
Das bedeutet nicht, dass der silberfarbene Hund vor dir kein liebenswerter Hund sein kann.
Es bedeutet aber sehr wohl, dass man bei Bezeichnungen wie „reinrassiger Silberlabrador“ genauer hinschauen sollte.
Denn irgendwoher muss das Silber schließlich gekommen sein.
Welche Farben gibt es beim Labrador Retriever?
Beim Labrador Retriever gibt es drei anerkannte Fellfarben:
Schwarz
Gelb
Braun beziehungsweise Chocolate
Gelb darf dabei unterschiedliche Schattierungen aufweisen. Ein Labrador kann sehr hell cremefarben oder deutlich dunkler bis fuchsrot sein. Der sogenannte Foxred Labrador ist deshalb keine vierte Farbe, sondern ein dunkler Gelbton.
Auch Braun kann heller oder dunkler ausfallen.
Eine Verdünnung der braunen Farbe zu einem graubraunen beziehungsweise silbrigen Ton gehört dagegen nicht zum normalen Farbspektrum des Labrador Retrievers.
Genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte des Labradors in Silber.
Warum ist ein Silberlabrador silbern?
Das silbrige Fell entsteht durch sogenannte Dilution, also Farbverdünnung.
Dabei wird die ursprüngliche Pigmentierung des Hundes genetisch aufgehellt.
Beim klassischen Silberlabrador wird eine braune beziehungsweise Chocolate-Grundfarbe verdünnt. Statt des normalen kräftigen Brauntons erscheint das Fell grau, taupefarben oder silbrig.
Verantwortlich ist eine Veränderung im Bereich des sogenannten D-Lokus, die mit dem MLPH-Gen zusammenhängt.
Vereinfacht lässt sich die Vererbung folgendermaßen darstellen:
D/D – keine Dilution
D/d – Hund zeigt selbst keine Dilution, kann die Anlage aber tragen
d/d – verdünnte Pigmentierung wird sichtbar
Für einen silberfarbenen Hund müssen also entsprechende Dilute-Anlagen zusammenkommen.
Das Silber ist damit keineswegs einfach ein besonders heller Chocolate Labrador.
Es handelt sich um einen anderen genetischen Mechanismus.
Woher kommt das Dilute-Gen beim Silberlabrador?
Und jetzt kommen wir zu der Frage, bei der es seit Jahren ausgesprochen ungemütlich wird.
Woher stammt das Dilute-Gen beim Labrador?
Denn wenn die historische Labradorpopulation diese Farbe nicht hatte und der traditionelle Labrador nur in Schwarz, Gelb und Braun vorkommt, stellt sich zwangsläufig die Frage:
Wie kam das d-Allel in die heutigen Silberlinien?
Eine häufig vertretene und durchaus plausible Erklärung ist eine frühere Einkreuzung des Weimaraners.
Das ist nicht irgendeine zufällig aus der Luft gegriffene Theorie.
Der Weimaraner besitzt genau jene verdünnte Pigmentierung, die sein charakteristisches graues Erscheinungsbild erzeugt. Außerdem weist der amerikanische Labrador Retriever Club darauf hin, dass frühe Züchter sogenannter Silver Labradors zugleich Verbindungen zur Weimaranerzucht hatten.
Der Labrador Retriever Club in den USA vertritt deshalb ausdrücklich die Auffassung, dass Silver Labradors keine reinrassigen Labrador Retriever sind.
Allerdings muss man an dieser Stelle wissenschaftlich sauber bleiben:
Es lässt sich heute nicht beweisen, dass jeder einzelne Silberlabrador unmittelbar ein Labrador-Weimaraner-Mischling ist.
Wenn eine Einkreuzung vor vielen Generationen stattgefunden hat und anschließend immer wieder Labrador Retriever eingekreuzt wurden, kann ein heutiger Hund äußerlich nahezu vollständig Labrador sein und dennoch das damals eingebrachte Dilute-Allel tragen.
Genau deshalb ist die saloppe Aussage
„Das ist ein Labrador-Weimaraner-Mix“
für einen heute lebenden Hund zu einfach.
Treffender ist:
Die Herkunft des Dilute-Gens im Labrador ist umstritten. Eine historische Einkreuzung, insbesondere des Weimaraners, gilt als eine wesentliche Erklärung.
Der Labrador Club Deutschland nennt ebenfalls zwei theoretische Möglichkeiten: Einkreuzung, sehr wahrscheinlich durch Weimaraner, oder eine Mutation.
Könnte das Dilute-Gen nicht einfach mutiert sein?
Theoretisch können neue Mutationen entstehen.
Damit ist aber noch lange nicht bewiesen, dass genau dies beim Silberlabrador geschehen ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wer Silberlabradore verkauft, kann deshalb nicht einfach behaupten:
„Das Gen ist eben irgendwann beim Labrador spontan entstanden.“
Möglich ist nicht dasselbe wie belegt.
Genauso wenig lässt sich heute mit letzter Sicherheit für jeden Stammbaum rekonstruieren, wann und wo möglicherweise eine Einkreuzung stattgefunden hat.
Wir haben also eine auffällige neue Farbvariante, ein Dilute-Allel, das in der traditionellen Labradorzucht nicht bekannt war, und eine andere Rasse, bei der genau diese Farbverdünnung charakteristisch ist.
Da darf man Fragen stellen.
Und man sollte sie stellen.
Gibt es einen reinrassigen Silberlabrador?
Nach der Definition der anerkannten Labradorzucht ist die Antwort ziemlich eindeutig.
Der Labrador Club Deutschland schreibt zu Silver, Charcoal und Champagne ausdrücklich, dass diese Farben nicht im Rassestandard zugelassen sind und die Hunde nicht als reinrassige Labrador Retriever gelten.
Der amerikanische Labrador Retriever Club vertritt ebenfalls die Auffassung, dass der Silberlabrador kein reinrassiger Labrador Retriever ist.
Damit sollte man insbesondere mit Werbeaussagen wie
„reinrassiger Silberlabrador“
vorsichtig umgehen.
Natürlich kann ein Silberhund einen Stammbaum besitzen, in dem über viele Generationen Labrador Retriever eingetragen sind.
Das beantwortet aber die genetische Herkunft des Dilute-Allels nicht.
Ein Stammbaum ist schließlich keine Zeitmaschine.
Hat vor vielen Generationen eine Einkreuzung stattgefunden und wurde anschließend konsequent mit Labradoren weitergezüchtet, kann diese Fremdrasseneinkreuzung irgendwann aus dem sichtbaren Stammbaum verschwinden, während ein rezessives Gen weitergegeben wird.
Genau darin liegt ein Teil der Kontroverse.
Silberlabrador mit Papieren: Was steckt hinter dieser Aussage?
Bei der Formulierung „Silberlabrador mit Papieren“ sollte man besonders aufmerksam werden.
Denn das Wort „Papiere“ klingt zunächst beeindruckend.
Es sagt allein aber fast nichts.
Jeder Verein kann Abstammungsdokumente ausstellen, sofern seine eigenen Regeln dies erlauben. Ein Stück Papier mit Namen, Eltern und Großeltern macht aus einer nicht anerkannten Farbvariante keine anerkannte Labradorfarbe.
Im deutschen VDH- beziehungsweise FCI-System gibt es keine reguläre Zucht des Labrador Retrievers in Silber.
Der FCI-Rassestandard kennt Silber schlicht nicht.
Deshalb sollte die Frage beim Welpenkauf niemals nur lauten:
„Hat der Silberlabrador Papiere?“
Sondern:
„Von welchem Verband stammen diese Papiere?“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Ein Abstammungsnachweis irgendeines freien Vereins ist nicht dasselbe wie eine Ahnentafel aus der vom VDH und der FCI anerkannten Labradorzucht.
Aber in Amerika gibt es doch Silberlabradore mit AKC-Papieren?
Hier entsteht tatsächlich häufig Verwirrung.
Der American Kennel Club hat in der Vergangenheit silberfarbene Hunde registriert. Der amerikanische Labrador Retriever Club beschreibt selbst, dass entsprechende Hunde offenbar als Chocolate registriert wurden.
Daraus wird gerne die Werbeaussage:
„Der AKC erkennt Silberlabradore an.“
Das ist irreführend.
Der AKC nennt für den Labrador Retriever ebenfalls nur drei Standardfarben:
Black, Yellow und Chocolate.
Silber ist keine anerkannte vierte Labradorfarbe.
Noch deutlicher wird es im amerikanischen Ausstellungsstandard: Andere Farben als Schwarz, Gelb oder Chocolate führen zur Disqualifikation.
Eine Registrierung und die Anerkennung einer Farbe innerhalb eines Rassestandards sind also zwei völlig verschiedene Dinge.
Dieser Unterschied geht in Verkaufsanzeigen erstaunlich regelmäßig verloren.
Entspricht ein Silberlabrador ansonsten dem Labrador-Rassestandard?
Das kann man keineswegs automatisch voraussetzen.
Und genau hier wird die Diskussion häufig zu oberflächlich.
Oft heißt es sinngemäß:
„Gut, die Farbe stimmt eben nicht, aber ansonsten ist es ein ganz normaler Labrador.“
Das wissen wir nicht.
Wer außerhalb der etablierten Labradorzucht gezielt Silber produziert, unterliegt nicht automatisch denselben Zuchtzulassungen, Formwertbeurteilungen, Gesundheitsanforderungen und Selektionskriterien wie ein Labradorzüchter innerhalb eines anerkannten Zuchtverbandes.
Deshalb wäre es falsch, beim Silberlabrador einfach einen standardgerechten Labrador zu nehmen und gedanklich nur den Farbtopf auszutauschen.
Der Rassestandard beschreibt sehr viel mehr als Fellfarbe.
Er beschreibt unter anderem:
Körperbau, Proportionen, Kopf, Fang, Augen, Ohren, Brustkorb, Läufe, Pfoten, Rücken, Rute, Haarkleid, Bewegung und Wesen.
Wenn eine Population über Generationen außerhalb der anerkannten Labradorzucht ausschließlich oder stark auf eine Modefarbe selektiert wird, gibt es keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass sämtliche anderen Rassemerkmale automatisch erhalten bleiben.
Ein silberner Hund kann einem Labrador sehr ähnlich sehen.
Das ist aber etwas anderes als eine kontrollierte Zucht auf den vollständigen Labrador-Rassestandard.
Warum sehen manche Silberlabradore anders aus?
Wer viele Labrador Retriever kennt, bemerkt bei manchen Silberlinien tatsächlich Unterschiede.
Manche Hunde wirken hochbeiniger, schmaler oder leichter gebaut. Andere zeigen einen Kopf, der deutlich weniger dem typischen Labrador entspricht.
Daraus darf man nicht bei jedem einzelnen Hund automatisch auf einen Weimaraner schließen.
Aber genauso wenig sollte man so tun, als spiele die Zuchtgeschichte keinerlei Rolle.
Wenn die Farbe das zentrale Verkaufsmerkmal einer Zucht ist, besteht außerdem immer die Gefahr, dass andere Kriterien in den Hintergrund geraten.
Und Silber verkauft sich.
Das führt uns zum nächsten Problem.
Der Silberlabrador als Designerfarbe
Silber klingt exklusiv.
Schwarz klingt dagegen ungefähr so aufregend wie „Standardausstattung“.
Genau deshalb lassen sich ungewöhnliche Farben hervorragend vermarkten.
Dann entstehen Begriffe wie:
„Rare Silver“
„Exclusive Silver Labrador“
„Champagne Labrador“
„Charcoal Labrador“
oder gleich ganze Zuchtlinien, die fast ausschließlich über ihre Farbe beworben werden.
Aus züchterischer Sicht ist genau das kritisch.
Ein guter Labrador entsteht nicht dadurch, dass zwei Hunde möglichst zuverlässig eine bestimmte Farbe produzieren.
Zucht bedeutet Auswahl nach Gesundheit, Wesen, Arbeitsanlagen, Körperbau, genetischer Vielfalt und rassetypischen Eigenschaften.
Die Farbe gehört beim Labrador dazu.
Sie sollte aber nicht zum eigentlichen Geschäftsmodell werden.
Was ist CDA beim Silberlabrador?
Jetzt kommen wir zum gesundheitlich wichtigsten Punkt der Dilute-Zucht.
CDA bedeutet Colour Dilution Alopecia.
Auf Deutsch lässt sich das ungefähr als durch Farbverdünnung bedingter Haarausfall übersetzen.
CDA ist eine Haut- und Haarerkrankung, die bei Hunden mit verdünnten Fellfarben auftreten kann.
Betroffene Hunde können zunächst völlig normal aussehen. Probleme entwickeln sich häufig erst später.
Mögliche Symptome sind:
- dünner werdendes Fell
- Haarbruch
- kahle Stellen
- trockene und schuppige Haut
- Mitesser beziehungsweise Komedonen
- Hautentzündungen
- wiederkehrende bakterielle Infektionen
- Juckreiz
Besonders betroffen sind häufig die Bereiche mit verdünnt pigmentiertem Haar.
Die Erkrankung ist nicht einfach ein kosmetisches Problem.
Chronische Hautentzündungen und starker Juckreiz können die Lebensqualität eines Hundes erheblich beeinträchtigen.
Warum hängt CDA mit Dilution zusammen?
Bei dilute Hunden ist die Verteilung des Pigments innerhalb der Haare verändert.
Statt einer gleichmäßigen Pigmentverteilung können größere Pigmentansammlungen entstehen.
Das kann die Struktur des Haars beeinträchtigen. Haare brechen leichter, Haarfollikel können geschädigt werden und mit der Zeit entstehen die typischen Fell- und Hautveränderungen.
Dabei ist wichtig:
Nicht jeder Hund mit d/d entwickelt automatisch CDA.
Dilution und CDA sind nicht dasselbe.
Es gibt Rassen mit verdünnten Fellfarben, in denen die Erkrankung vergleichsweise selten auftritt, und andere Populationen, in denen sie deutlich häufiger vorkommt.
Genau dieser Unterschied ist für den Silberlabrador interessant.
Warum ist CDA beim Labrador besonders problematisch?
Der Labrador Retriever ist historisch keine Dilute-Rasse.
Anders sieht es beispielsweise beim Weimaraner aus, bei dem verdünnte Pigmentierung seit langer Zeit Bestandteil der Rasse ist.
Der Labrador Club Deutschland erklärt hierzu einen interessanten Zusammenhang:
Da es in der traditionellen Labradorpopulation keine Dilution gab, konnte innerhalb dieser Population auch niemals über Generationen auf eine geringere CDA-Anfälligkeit bei dilute Hunden selektiert werden.
Genau deshalb sieht der LCD das Einbringen des Dilute-Gens nicht als harmlose zusätzliche Farbe an, sondern ausdrücklich auch als gesundheitliches Problem.
Das ist ein Punkt, der in vielen Verkaufsanzeigen für Silberlabradore verständlicherweise eher selten auf der Startseite steht.
„Exklusive Silberwelpen, möglicherweise mit lebenslangen Hautproblemen“ besitzt marketingtechnisch einfach weniger Glitzer.
Kann man CDA beim Silberlabrador testen?
Hier muss man ebenfalls genau unterscheiden.
Man kann den D-Lokus untersuchen und feststellen, ob ein Hund genetische Varianten für Dilution trägt.
Damit lässt sich beispielsweise unterscheiden zwischen:
D/D – frei von der untersuchten Dilution
D/d – Träger
d/d – dilute
Dieser Test sagt aber nicht:
Dieser Hund wird CDA bekommen.
Ein d/d-Hund zeigt die verdünnte Pigmentierung. Ob er tatsächlich CDA entwickelt, lässt sich daraus nicht mit Sicherheit ableiten.
Deshalb darf ein negativer oder geschickt formulierter Gentest nicht als vermeintlicher Beweis verkauft werden, dass ein Silberlabrador kein CDA-Risiko habe.
Sind alle Silberlabradore krank?
Nein.
Das wäre genauso unseriös wie die Behauptung, die Dilution spiele gesundheitlich überhaupt keine Rolle.
Es gibt Silberlabradore, die ein normales Fell besitzen und niemals CDA entwickeln.
Die Kritik an der Silberzucht bedeutet deshalb nicht:
Jeder Silberlabrador ist krank.
Sie bedeutet:
Man züchtet gezielt mit einem genetischen Merkmal, das beim Labrador nicht zum ursprünglichen Farbspektrum gehört und mit einem zusätzlichen gesundheitlichen Problem verbunden sein kann.
Das ist etwas völlig anderes.
Hat der Silberlabrador typische Labrador-Krankheiten?
Natürlich verschwinden durch das silberne Fell die normalen Gesundheitsrisiken des Labradors nicht.
Zusätzlich zur Dilution müssen deshalb auch bei solchen Hunden die bekannten Erkrankungen der Rasse berücksichtigt werden.
Dazu gehören beispielsweise Erkrankungen und Anlagen wie:
HD und ED, verschiedene erbliche Augenerkrankungen, Exercise Induced Collapse, kurz EIC, progressive Retinaatrophie und weitere genetisch untersuchbare Erkrankungen.
Gerade deshalb ist es wenig überzeugend, wenn sich die Zuchtplanung hauptsächlich um die Frage dreht:
„Wie bekommen wir möglichst viele silberne Welpen?“
Ein Hund besteht genetisch aus etwas mehr als seinem Farbton.
Kann aus zwei normalen Labradoren plötzlich ein Silberlabrador fallen?
Theoretisch kann eine rezessive Anlage über Generationen verborgen weitergegeben werden.
Ein Träger des Dilute-Allels muss selbst nicht dilute aussehen.
Werden zwei entsprechende Träger miteinander verpaart, können d/d-Nachkommen entstehen.
Das erklärt allerdings nur, wie ein vorhandenes rezessives Gen verborgen weitergegeben werden kann.
Es beantwortet nicht die entscheidende historische Frage:
Wie kam dieses Gen ursprünglich in die Labradorpopulation?
Mit „rezessiv“ lässt sich die Herkunft eines Allels nicht erklären.
Es erklärt lediglich seine Vererbung.
Dieser Unterschied ist wichtig.
Ist ein Silberlabrador ein Weimaraner-Mix?
Einen heute geborenen Silberlabrador pauschal als Labrador-Weimaraner-Mischling zu bezeichnen, wäre zu einfach.
Die Weimaraner-Theorie betrifft vor allem die historische Entstehung der Silberlinien.
Wenn tatsächlich vor vielen Generationen ein Weimaraner eingekreuzt wurde und anschließend immer wieder Labrador Retriever eingesetzt wurden, kann ein heutiger Hund genetisch zu einem sehr großen Anteil Labrador sein.
Das ursprünglich eingebrachte Dilute-Allel kann trotzdem erhalten bleiben.
Deshalb ist die sinnvollere Aussage:
Eine historische Einkreuzung des Weimaraners gilt als plausible und von Labrador-Rasseclubs vertretene Erklärung für die Herkunft der Dilution beim Silberlabrador. Abschließend bewiesen ist sie nicht.
Damit bleibt man fachlich sauber und muss trotzdem nicht so tun, als sei Silber eines Morgens völlig überraschend aus einem klassischen Labradorstammbaum gefallen.
Kann man durch einen DNA-Test beweisen, dass ein Silberlabrador reinrassig ist?
Nein.
Kommerzielle Rasse-DNA-Tests werden häufig überschätzt.
Ein Ergebnis wie „98 % Labrador Retriever“ oder sogar „100 % Labrador Retriever“ beweist nicht, dass niemals eine andere Rasse eingekreuzt wurde.
Solche Tests vergleichen genetische Muster mit Referenzpopulationen. Je weiter eine mögliche Einkreuzung zurückliegt und je häufiger anschließend wieder mit Labradoren gezüchtet wurde, desto schwieriger wird ihr Nachweis.
Ein DNA-Test kann daher interessante Hinweise liefern.
Er kann aber die historische Entstehung einer Zuchtlinie nicht vollständig rekonstruieren.
Warum kostet ein Silberlabrador häufig mehr?
Weil Menschen bereit sind, für Seltenheit zu bezahlen.
Das klingt wenig romantisch, ist aber ein wichtiger Teil des Phänomens.
Eine ungewöhnliche Farbe erzeugt Nachfrage. Nachfrage erzeugt Preise. Und plötzlich wird aus einem nicht standardgerechten Farbmerkmal ein Premiumprodukt.
Dabei gibt es züchterisch keinen vernünftigen Grund, weshalb ein silberfarbenes Fell einen Labrador wertvoller machen sollte.
Im Gegenteil.
Bei einer seltenen rezessiven Farbvariante kann der verfügbare Genpool kleiner werden, weil gezielt Hunde ausgewählt werden müssen, die diese Anlage tragen.
Je stärker die Farbe zum Selektionskriterium wird, desto weniger Raum bleibt für wesentlich wichtigere Eigenschaften.
Wie ist der Charakter eines Silberlabradors?
Auch hier findet man erstaunliche Werbeversprechen.
Silberlabradore seien besonders ruhig.
Oder besonders intelligent.
Oder besonders anhänglich.
Dafür gibt es keinen vernünftigen genetischen Grund.
Dilution ist kein Charaktergen.
Wie sich ein Silberhund entwickelt, hängt von seiner tatsächlichen genetischen Herkunft, den verwendeten Zuchtlinien, den Elterntieren, der Aufzucht und seinen individuellen Anlagen ab.
Und genau deshalb kann man eben auch nicht automatisch sämtliche Eigenschaften eines gut selektierten Labrador Retrievers auf jede Silberlinie übertragen.
Die Aussage
„Silberlabradore haben natürlich das typische Labradorwesen“
ist genauso pauschal wie die Behauptung, sie hätten grundsätzlich einen Weimaranercharakter.
Beides lässt sich nicht einfach aus der Fellfarbe ableiten.
Silberlabrador kaufen: Was du unbedingt prüfen solltest
Wer trotz aller Kritik einen Silberlabrador kaufen möchte, sollte sich zumindest nicht von der Farbe blenden lassen.
Schau dir die Elterntiere an.
Nicht nur auf einem hübschen Foto.
Wie sehen sie körperlich aus? Wie bewegen sie sich? Wie ist ihr Wesen? Welche Gesundheitsuntersuchungen liegen vor? Gibt es offizielle HD- und ED-Auswertungen? Sind die Augen untersucht? Welche Labrador-relevanten Gentests wurden durchgeführt?
Und dann kommt eine der interessantesten Fragen überhaupt:
Warum wurde genau diese Verpaarung gewählt?
Kann der Züchter ausführlich über Gesundheit, Wesen, Körperbau und genetische Kombination der Elterntiere sprechen, ist das zumindest etwas anderes als:
„Wir wollten besonders schöne silberne Welpen.“
Bei letzterem weißt du ziemlich genau, wo die Prioritäten liegen.
Silberlabrador mit Papieren kaufen: Nicht vom Stammbaum beeindrucken lassen
Gerade bei einem Silberlabrador mit Papieren solltest du dir den ausstellenden Verband genau ansehen.
Es gibt zahlreiche freie Zuchtvereine, die eigene Ahnentafeln ausstellen.
Das kann auf den ersten Blick genauso offiziell aussehen wie jeder andere Stammbaum: Logo oben, mehrere Generationen Hunde darunter, Stempel, Unterschrift, vielleicht sogar Goldrand.
Der entscheidende Punkt steht aber nicht im Goldrand.
Entscheidend ist, welchem Zuchtsystem der Verband angehört und welche Anforderungen tatsächlich erfüllt werden müssen.
Ein Silberlabrador bekommt nicht dadurch den Status eines standardgerechten reinrassigen Labrador Retrievers, dass jemand seine Vorfahren auf ein Blatt Papier druckt.
Ist der Silberlabrador eine neue Labradorfarbe?
Nein.
Zumindest nicht im Sinne einer anerkannten vierten Farbvariante.
Der Labrador Retriever besitzt drei Farben:
Schwarz, Gelb und Braun.
Silver ist die durch Dilution veränderte Erscheinungsform einer pigmentierten Grundfarbe.
Charcoal und Champagne beruhen ebenfalls auf solchen Verdünnungseffekten.
Daraus entstehen keine neuen Labradorfarben im Sinne des Rassestandards.
Und schon gar keine neuen Labradortypen.
Unser Standpunkt zum Silberlabrador
Wir lehnen die gezielte Zucht von Silberlabradoren ab.
Nicht den einzelnen Hund.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Ein bereits geborener Silberlabrador verdient selbstverständlich genauso ein gutes Zuhause, vernünftige Haltung, medizinische Versorgung und ein schönes Leben wie jeder andere Hund.
Unsere Kritik richtet sich gegen eine Zuchtstrategie, bei der eine nicht standardgerechte Modefarbe gezielt produziert und häufig auch noch mit Begriffen wie „selten“, „exklusiv“ oder „reinrassig“ besonders wertvoll gemacht wird.
Der Labrador Retriever ist eine über Generationen entwickelte Hunderasse mit einem definierten Typ, bestimmten Arbeitsanlagen, einem charakteristischen Wesen und einem klaren Rassestandard.
Es gibt genügend anspruchsvolle Aufgaben, wenn man diese Rasse gesund erhalten möchte.
Man muss ihr nicht noch eine modische Sonderfarbe verpassen.
Silberlabrador und Weimaraner: Was eine Einkreuzung mit dem Charakter machen kann
Beim Silberlabrador dreht sich die Diskussion meistens um zwei Dinge: die ungewöhnliche Fellfarbe und gesundheitliche Risiken der Dilution wie die Colour Dilution Alopecia, kurz CDA.
Dabei wird ein weiterer Punkt erstaunlich selten besprochen.
Wenn die beim Silberlabrador vorhandene Farbverdünnung tatsächlich ursprünglich durch eine Einkreuzung des Weimaraners in Labradorlinien gelangt ist, wurde damals nicht einfach ein einzelnes graues Farbgen aus dem Weimaraner herausgenommen und in den Labrador eingesetzt.
Genetik arbeitet nicht mit Pinzette.
Bei einer Kreuzung treffen zunächst zwei genetische Gesamtpakete aufeinander.
Und Labrador Retriever und Weimaraner wurden für ziemlich unterschiedliche Aufgaben gezüchtet.
Das kann nicht nur das Aussehen betreffen.
Es kann auch Auswirkungen auf Temperament, Jagdverhalten, Reizverarbeitung und andere Verhaltenseigenschaften haben.
Der Labrador und der Weimaraner sind zwei sehr unterschiedliche Jagdhunde
Zunächst muss man mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen.
Der Labrador Retriever ist ebenfalls ein Jagdhund.
Seine traditionelle Aufgabe unterscheidet sich aber erheblich von der des Weimaraners.
Der Labrador gehört zu den Apportierhunden. Seine klassische Arbeit beginnt vor allem nach dem Schuss. Er soll geschossenes Wild finden, aufnehmen und zuverlässig zum Hundeführer zurückbringen.
Dafür wurden Eigenschaften benötigt, die wir heute häufig als besonders angenehme Wesenszüge des Labradors wahrnehmen.
Kooperationsbereitschaft, gute Führbarkeit, eine enge Orientierung am Menschen und ein vergleichsweise freundliches Sozialverhalten gehören zu den Eigenschaften, die über Generationen erwünscht waren.
Natürlich gibt es temperamentvolle Labradore, Arbeitslinien mit erheblichem Beschäftigungsbedarf und Hunde mit ausgeprägtem Jagdtrieb.
Der Labrador ist kein gelber Sofakissenhalter auf vier Beinen.
Aber seine ursprüngliche Arbeit verlangt eine enorme Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Menschen.
Beim Weimaraner sieht die Geschichte anders aus.
Der Weimaraner ist ein ernsthafter Jagdgebrauchshund
Der Weimaraner gehört zu den kontinentalen Vorstehhunden.
Seine jagdlichen Aufgaben sind wesentlich vielfältiger.
Ein Vorstehhund soll Wild selbstständig suchen, finden und anzeigen. Weimaraner werden außerdem für unterschiedliche jagdliche Arbeiten vor und nach dem Schuss eingesetzt.
Dafür benötigt man einen Hund, der selbstständig Entscheidungen treffen kann, ausdauernd sucht, Wild passioniert verfolgt und eine erhebliche jagdliche Motivation mitbringt.
Das erzeugt einen anderen Hundetyp als die klassische Retrieverarbeit.
Der Weimaraner wird in seinem FCI-Standard als vielseitiger, leichtführiger, wesensfester und passionierter Jagdgebrauchshund beschrieben.
Besonders interessant ist ein weiterer Punkt:
Im Standard wird ausdrücklich eine bemerkenswerte Neigung zur Arbeit nach dem Schuss und zur Schärfe gegenüber Raubwild und Raubzeug erwähnt.
Das ist keine Kleinigkeit.
Es zeigt ziemlich deutlich, für welchen Einsatzzweck diese Rasse entwickelt wurde.
Ist der Weimaraner deshalb aggressiv?
Nein.
Und diese Gleichsetzung wäre fachlich Unsinn.
Ein Weimaraner soll weder unkontrolliert aggressiv noch grundsätzlich unverträglich sein.
„Schärfe“ in der traditionellen Jagdhundezucht bedeutet etwas anderes als ein Hund, der grundlos Menschen oder andere Hunde attackiert.
Trotzdem handelt es sich beim Weimaraner nicht einfach um einen Labrador in grauer Verpackung.
Er kann erheblich anspruchsvoller sein.
Jagdpassion, Selbstständigkeit, Wachsamkeit, territoriales Verhalten und eine hohe Arbeitsbereitschaft können bei entsprechenden Linien deutlich ausgeprägt sein.
Gerade deshalb wird der Weimaraner in Deutschland traditionell sehr stark als Jagdgebrauchshund betrachtet.
Labrador und Weimaraner: Zwei unterschiedliche Zuchtziele
Genau hier wird die Diskussion um den Labrador in Silber interessant.
Der typische Labrador soll freundlich, aktiv und aufgeschlossen sein. Aggressivität und übermäßige Ängstlichkeit sind im Rassestandard ausdrücklich unerwünscht.
Beim Weimaraner stehen andere Eigenschaften stärker im Vordergrund.
Das bedeutet nicht:
Labrador = immer unkompliziert.
Weimaraner = schwierig.
So simpel ist Hundeverhalten niemals.
Es bedeutet vielmehr:
Über viele Generationen wurden bei beiden Rassen unterschiedliche Eigenschaften selektiert.
Und Selektion hinterlässt genetische Spuren.
Bei einer Kreuzung wird nicht nur die Fellfarbe vererbt
Nehmen wir einmal an, die heute beim Silberlabrador vorhandene Dilution gelangte tatsächlich durch einen Weimaraner in bestimmte Labradorlinien.
Dann wurde bei dieser ursprünglichen Verpaarung nicht nur das gewünschte d-Allel übertragen.
Der betreffende Weimaraner gab ungefähr die Hälfte seines Erbguts an seine unmittelbaren Nachkommen weiter.
Erst durch anschließende Rückkreuzungen mit Labrador Retrievern lässt sich der durchschnittliche Fremdrassenanteil von Generation zu Generation reduzieren.
Vereinfacht sieht das theoretisch so aus:
Labrador × Weimaraner:
etwa 50 Prozent Weimaraner
erste Rückkreuzung mit Labrador:
durchschnittlich etwa 25 Prozent
nächste Rückkreuzung:
durchschnittlich etwa 12,5 Prozent
danach:
etwa 6,25 Prozent
und anschließend entsprechend weniger.
Diese Zahlen sind statistische Erwartungswerte. Beim einzelnen Hund wird das Erbgut durch Rekombination nicht millimetergenau halbiert.
Sie zeigen aber etwas Entscheidendes:
Man kann durch wiederholte Rückkreuzung relativ schnell einen Hund erzeugen, der genetisch überwiegend Labrador ist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ausschließlich das gewünschte Farbgen des Weimaraners übrig geblieben sein muss.
Kann Weimaraner-Verhalten beim Silberlabrador erhalten geblieben sein?
Das lässt sich für einen einzelnen heutigen Silberlabrador nicht einfach anhand seiner Fellfarbe beantworten.
Genau deshalb wäre die Behauptung
„Silberlabradore haben Weimaraner-Charakter“
unseriös.
Es gibt dafür keinen einfachen genetischen Automatismus.
Verhalten entsteht durch viele Gene und wird zusätzlich durch Aufzucht, Umwelt, Erfahrungen und Training beeinflusst.
Aber genauso unseriös wäre die gegenteilige Behauptung:
„Bei der Einkreuzung wurde nur die Farbe übernommen, deshalb sind Silberlabradore charakterlich selbstverständlich ganz normale Labradore.“
Das lässt sich ebenfalls nicht einfach voraussetzen.
Die Farbe lässt sich selektieren, das restliche Erbgut nicht per Wunschzettel löschen
Genau darin steckt das züchterische Problem.
Wenn bei einer Einkreuzung ein bestimmtes Merkmal erhalten werden soll, wird anschließend gezielt nach diesem Merkmal selektiert.
Beim Silberlabrador wäre das die Dilution.
Die Züchter müssen also Nachkommen behalten beziehungsweise einsetzen, die das gewünschte d-Allel weitertragen.
Damit wird die Auswahl bereits eingeschränkt.
Natürlich kann gleichzeitig auf andere Eigenschaften selektiert werden.
Aber die Vorstellung, man könne aus einem Weimaraner ausschließlich ein Farbgen herausnehmen und den gesamten Rest seines genetischen Einflusses zuverlässig entfernen, ist biologisch viel zu simpel.
Gene liegen auf Chromosomen. Bei jeder Generation werden genetische Abschnitte neu kombiniert.
Durch viele Rückkreuzungen werden Fremdrassenanteile immer kleiner.
Welche Abschnitte erhalten bleiben, lässt sich historisch aber nicht einfach anhand der Fellfarbe rekonstruieren.
Warum das beim Wesen besonders schwierig wird
Fellfarbe ist vergleichsweise einfach.
Ein Hund ist dilute oder nicht.
Verhalten ist erheblich komplizierter.
Es gibt kein einzelnes „freundliches Labrador-Gen“.
Genauso wenig existiert ein „Weimaraner-Jagdtrieb-Gen“.
Eigenschaften wie Jagdverhalten, Erregbarkeit, Ängstlichkeit, Sozialverhalten, Impulskontrolle oder Kooperationsbereitschaft entstehen aus dem Zusammenspiel vieler genetischer Faktoren und Umwelteinflüsse.
Deshalb kann man nach einer Einkreuzung nicht einfach einen Gentest machen und sagen:
„Prima. Farbe behalten, Weimaraner-Verhalten entfernt.“
So bequem hat die Natur ihre Bedienungsanleitung leider nicht geschrieben.
Kann ein Silberlabrador trotzdem ein wunderbarer Familienhund sein?
Selbstverständlich.
Ein einzelner Hund ist kein populationsgenetisches Lehrbuch.
Es gibt freundliche, ausgeglichene und hervorragend führbare Silberhunde.
Unsere Kritik an der Zucht von Silberlabradoren bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder bereits existierende Silberlabrador charakterlich problematisch wäre.
Das wäre unfair gegenüber den Hunden und fachlich nicht haltbar.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Kann man bei einer außerhalb der etablierten Labradorzucht entstandenen Silberlinie automatisch davon ausgehen, dass Wesen und Verhalten dem typischen Labrador Retriever entsprechen?
Nein.
Genau das sollte man nicht.
Warum der typische Labradorcharakter nicht selbstverständlich ist
Der Labrador Retriever ist nicht zufällig so geworden, wie wir ihn heute kennen.
Seine charakteristischen Eigenschaften sind das Ergebnis jahrzehntelanger beziehungsweise jahrhundertelanger Selektion.
Züchter haben nicht nur Hunde miteinander verpaart, die ungefähr wie Labradore aussahen.
Sie haben auf bestimmte Arbeitsanlagen und bestimmte Wesenseigenschaften selektiert.
Genau dadurch entsteht Rassetyp.
Wenn man eine andere Rasse einkreuzt, verlässt man dieses geschlossene Selektionssystem zunächst.
Danach kann man durch Rückkreuzungen versuchen, sich dem ursprünglichen Typ wieder anzunähern.
Aber dann muss genau darauf auch konsequent selektiert werden.
Wenn gleichzeitig ein seltenes rezessives Farbmerkmal unbedingt erhalten werden soll, wird die Auswahl geeigneter Zuchttiere zusätzlich eingeschränkt.
Das ist einer der Gründe, weshalb wir die gezielte Zucht von Modefarben so kritisch betrachten.
Ein Silberlabrador ist nicht automatisch ein Labrador mit anderer Farbe
Und genau hier liegt vielleicht das größte Missverständnis.
Viele Interessenten stellen sich einen Silberlabrador ungefähr so vor:
Man nehme einen klassischen Labrador Retriever mit seinem typischen Wesen, seinem Körperbau und seinen bekannten Eigenschaften und färbe sein Fell grau.
Fertig ist der Silver Lab.
So einfach ist es nicht.
Die entscheidende Frage ist nicht nur:
Welche Farbe besitzt dieser Hund?
Sondern:
Aus welcher Zuchtpopulation stammt er und nach welchen Kriterien wurden seine Vorfahren ausgewählt?
Wurde über Generationen auf Labrador-Typ, Gesundheit, Wesen und Arbeitsanlagen selektiert?
Oder bestand ein wesentliches Zuchtziel darin, zuverlässig silberne Welpen zu produzieren?
Das sind zwei völlig unterschiedliche Ansätze.
Weimaraner-Einkreuzung: Warum sie für Käufer relevant wäre
Sollte die Weimaraner-Theorie zur Entstehung der Silberlinien zutreffen, wäre sie deshalb keineswegs nur eine historische Kuriosität.
Dann wäre nicht lediglich eine neue Fellfarbe in die Labradorpopulation gelangt.
Es wäre Erbgut einer anderen Jagdhunderasse eingebracht worden, die für andere Aufgaben und teilweise andere Verhaltenseigenschaften selektiert wurde.
Nach vielen Rückkreuzungsgenerationen kann davon nur noch ein kleiner Anteil vorhanden sein.
Welche Auswirkungen dieser Anteil heute tatsächlich auf das Verhalten einzelner Silberlabradore hat, lässt sich nicht pauschal feststellen.
Aber genau deshalb sollte man nicht mit Eigenschaften werben, die allein aus dem Namen „Labrador“ abgeleitet werden.
Unser Fazit: Grau ist nicht das eigentliche Problem
Die Diskussion über den Silberlabrador und den Weimaraner sollte nicht darauf reduziert werden, ob irgendwann irgendwo heimlich ein grauer Jagdhund über einen Zaun geklettert ist.
Die entscheidende Frage ist züchterisch viel interessanter.
Wenn die Dilution durch Einkreuzung entstanden ist, wurde nicht nur Farbe eingebracht, sondern zunächst ein erheblicher Anteil des Erbguts einer anderen Rasse.
Durch wiederholte Rückkreuzung kann dieser Anteil über Generationen stark reduziert werden.
Was man daraus aber nicht ableiten kann, ist die Behauptung, ein heutiger Silberlabrador müsse deshalb automatisch in Körperbau, Gesundheit und Wesen einem sorgfältig gezüchteten Labrador Retriever entsprechen.
Ebenso wenig darf man jeden Silberlabrador zum verkappten Weimaraner erklären.
Der einzelne Hund kann freundlich, sozial, ausgeglichen und ein wunderbarer Begleiter sein.
Die Kritik gilt nicht ihm.
Sie gilt einer Zuchtidee, bei der eine außergewöhnliche Farbe wichtiger werden kann als genau jene Eigenschaften, für die eine Hunderasse über Generationen gezüchtet wurde.
Und damit sind wir wieder beim Kern des Problems:
Wer einen Labrador Retriever möchte, sollte nicht zuerst fragen, welche außergewöhnliche Farbe er haben soll.
Sondern ob in seiner Zucht tatsächlich der Labrador im Mittelpunkt stand.
Reinrassiger Silberlabrador: Unser Fazit
Einen Silberlabrador als einfach „seltene vierte Labradorfarbe“ zu verkaufen, wird der tatsächlichen Situation nicht gerecht.
Der offizielle Labrador Retriever kommt in Schwarz, Gelb und Braun beziehungsweise Chocolate vor.
Silber entsteht durch Dilution und gehört nicht zum anerkannten Rassestandard.
Der Labrador Club Deutschland betrachtet Silver, Charcoal und Champagne nicht als reinrassige Labrador Retriever. Auch der amerikanische Labrador Retriever Club spricht sich deutlich gegen die Einordnung von Silber als reinrassige Labradorfarbe aus.
Woher das Dilute-Allel ursprünglich stammt, lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit beweisen. Eine historische Einkreuzung des Weimaraners ist eine naheliegende und von Rasseclubs vertretene Erklärung. Eine spontane Mutation ist theoretisch ebenfalls denkbar.
Was man daraus nicht machen sollte, ist eine hübsche Legende vom „seltenen reinrassigen Silberlabrador“.
Noch wichtiger ist die gesundheitliche Seite. Mit Dilution kann Colour Dilution Alopecia, CDA, verbunden sein. Nicht jeder Silberlabrador erkrankt daran, aber das Risiko lässt sich auch nicht einfach wegdiskutieren.
Und ein Stammbaum irgendeines Vereins macht aus Silber keine anerkannte Labradorfarbe.
Wenn du einen Labrador Retriever möchtest und Wert auf eine kontrollierte Rassehundezucht legst, ist die Auswahl erstaunlich übersichtlich:
Schwarz. Gelb. Braun.
Drei Farben sind für einen guten Labrador vollkommen ausreichend.






