Impulskontrolle und Frustrationstoleranz

Frustrationstoleranz und Impulskontrolle beim Hund: Was ist eigentlich der Unterschied?

Der Hund sieht einen anderen Hund und möchte sofort hin. Er entdeckt ein Kaninchen und schaltet auf Durchzug. Das Futter steht auf dem Tisch und selbstverständlich gehört es seiner Meinung nach ihm. Die Haustür geht auf und der Hund schießt hinaus. Oder Frauchen unterhält sich beim Spaziergang seit unglaublichen drei Minuten mit der Nachbarin und der Hund beginnt zu fiepen, an der Leine zu ziehen oder zu bellen.

Bei all diesen Situationen fallen schnell zwei Begriffe: Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

Beides hängt eng miteinander zusammen. Trotzdem handelt es sich nicht um dasselbe. Und gerade dieser Unterschied ist wichtig, wenn du deinem Hund helfen möchtest, gelassener mit Aufregung, unerfüllten Erwartungen und starken Reizen umzugehen.

Was ist Impulskontrolle beim Hund?

Impulskontrolle bedeutet vereinfacht gesagt, dass ein Hund einem spontanen Impuls nicht sofort nachgibt.

Er möchte etwas tun – tut es aber nicht.

Das kann beispielsweise bedeuten, dass dein Hund ein Stück Futter auf dem Boden sieht und nicht sofort danach schnappt. Er möchte aus dem Auto springen, wartet aber noch einen Moment. Ein anderer Hund läuft vorbei und dein Hund würde gerne hinterher, bleibt jedoch bei dir.

Impulskontrolle ist also eine Art Selbstbeherrschung.

Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass wir von Hunden teilweise erstaunlich viel verlangen. Sie sollen Wild sehen und nicht jagen, Hunde sehen und nicht hinlaufen, Futter riechen und es liegen lassen, Besucher begrüßen und dabei nicht hochspringen.

Viele Verhaltensweisen, die uns im Alltag stören, sind für den Hund zunächst ausgesprochen naheliegend.

Impulskontrolle bedeutet deshalb nicht, sämtliche Bedürfnisse des Hundes zu unterdrücken. Ein gut erzogener Hund muss kein vierbeiniger Roboter sein.

Er soll vielmehr lernen, dass zwischen einem Reiz und seiner Reaktion noch etwas anderes stattfinden kann: Orientierung, Abwarten und eine Entscheidung.

Was ist Frustrationstoleranz beim Hund?

Frustrationstoleranz beschreibt dagegen die Fähigkeit, damit umzugehen, etwas nicht zu bekommen oder nicht sofort zu bekommen.

Und das ist etwas anderes.

Dein Hund möchte zu einem anderen Hund, darf aber nicht. Er möchte jetzt spielen, du hast aber gerade keine Zeit. Er sieht seinen Ball, bekommt ihn jedoch nicht sofort. Er möchte aus dem Auto steigen und muss noch kurz warten.

In diesen Situationen entsteht Frust.

Frust ist zunächst nichts Schlechtes. Er gehört zum Leben. Weder Menschen noch Hunde können sämtliche Wünsche immer sofort erfüllt bekommen.

Problematisch wird es, wenn ein Hund bereits bei kleinsten Einschränkungen massiv hochfährt. Dann wird gefiept, gebellt, in die Leine gebissen, herumgesprungen oder hektisch nach irgendeiner anderen Beschäftigung gesucht.

Eine gute Frustrationstoleranz bedeutet nicht, dass ein Hund niemals frustriert ist.

Sie bedeutet vielmehr:

Mein Hund kann Frust aushalten, ohne daran völlig zu verzweifeln.

Impulskontrolle oder Frustrationstoleranz – wo liegt der Unterschied?

Am einfachsten lässt sich der Unterschied an einem Beispiel erklären.

Vor deinem Hund liegt ein Ball.

Dein Hund möchte ihn nehmen, wartet aber auf deine Freigabe. Hier braucht er Impulskontrolle. Er hemmt den unmittelbaren Impuls, zum Ball zu laufen.

Nun nimmst du den Ball weg und erklärst deinem Hund, dass heute überhaupt nicht damit gespielt wird.

Jetzt braucht er Frustrationstoleranz. Sein Wunsch wird nicht erfüllt und er muss mit dieser Enttäuschung umgehen können.

Natürlich überschneiden sich beide Fähigkeiten im Alltag ständig.

Ein Hund, der nicht zu einem anderen Hund laufen darf, muss zunächst den Impuls kontrollieren, loszulaufen. Gleichzeitig muss er den Frust aushalten, dass der gewünschte Sozialkontakt nicht stattfindet.

Deshalb lassen sich beide Bereiche im praktischen Training nicht immer sauber voneinander trennen.

Warum können manche Hunde Frust so schlecht aushalten?

Das hat nicht zwangsläufig etwas mit schlechter Erziehung zu tun.

Alter, Temperament, genetische Veranlagung, Lernerfahrungen, Erregungsniveau und Alltag spielen eine Rolle.

Gerade junge Hunde verfügen noch nicht über die Selbstregulation eines erwachsenen Hundes. Ein Junghund, der sich schnell aufregt und ständig neue Dinge ausprobieren möchte, kann nicht automatisch dieselbe Impulskontrolle zeigen wie ein souveräner erwachsener Hund.

Hinzu kommt etwas, das wir Menschen manchmal selbst unbeabsichtigt fördern:

Der Hund bekommt sehr häufig sofort, was er möchte.

Er fiept vor der Tür – die Tür geht auf.

Er bellt – der Ball fliegt.

Er zieht zum anderen Hund – irgendwann darf er hin.

Er stupst den Menschen an – sofort beginnt das Spiel.

Damit lernt der Hund nicht, dass Wünsche auch einmal warten können. Im Gegenteil: Hartnäckigkeit kann ausgesprochen erfolgreich sein.

Frustrationstoleranz beginnt im normalen Alltag

Du brauchst dafür nicht jeden Tag eine halbe Stunde spezielles Frustrationstraining.

Viele kleine Alltagssituationen reichen vollkommen aus.

Dein Hund muss nicht immer sofort bekommen, was er möchte. Das bedeutet keineswegs, ihn absichtlich ständig zu ärgern oder künstlich Frust zu erzeugen.

Es geht um kleine, angemessene Momente des Wartens.

Bevor die Haustür aufgeht, kann dein Hund einen kurzen Moment warten. Bevor er aus dem Auto steigt, wartet er auf deine Freigabe. Wenn er Aufmerksamkeit fordert, musst du nicht jedes Mal sofort reagieren.

Der entscheidende Punkt ist die Dosierung.

Frustrationstoleranz entwickelt sich nicht dadurch, einen Hund möglichst stark zu frustrieren.

Wer einen Hund regelmäßig überfordert, trainiert nicht automatisch Gelassenheit. Im schlechtesten Fall trainiert er lediglich noch mehr Aufregung.

Impulskontrolle lässt sich ebenfalls im Alltag trainieren

Auch hier braucht es keine spektakulären Übungen.

Ein Klassiker ist das Warten vor dem Futternapf. Das kann sinnvoll sein, ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten.

Du kannst beim Spaziergang Futter auslegen und deinen Hund erst auf Signal suchen lassen. Er kann kurz warten, bevor er aus der Haustür läuft. Beim gemeinsamen Spiel kann er lernen, auf ein Signal zu reagieren, obwohl er gerade aufgeregt ist.

Interessanter wird Impulskontrolle nämlich genau dann, wenn ein echter Reiz vorhanden ist.

Ein Hund, der im Wohnzimmer zehn Sekunden vor einem Keks sitzen kann, beherrscht deshalb noch lange nicht seine Impulse, wenn draußen ein Reh über den Weg läuft.

Das Training sollte deshalb schrittweise schwieriger werden.

Selbstbeherrschung ist nicht unendlich verfügbar

Ein wichtiger Punkt wird beim Training gerne vergessen: Impulskontrolle kostet Kraft.

Wenn ein Hund den ganzen Tag ständig kontrolliert werden muss, wird es irgendwann schwieriger.

Stell dir einen jungen, temperamentvollen Hund vor, der morgens an kurzer Leine durch die Stadt läuft, im Café ruhig liegen soll, anschließend an mehreren Hunden vorbeigehen muss, zu Hause Besuch bekommt und am Nachmittag noch ein hochkonzentriertes Training absolvieren soll.

Wenn dieser Hund am Abend wegen einer Kleinigkeit ausflippt, fehlt ihm möglicherweise nicht grundsätzlich die Erziehung.

Vielleicht war es einfach zu viel.

Deshalb gehören zu guter Impulskontrolle immer auch ausreichend Schlaf, Bewegung, freie Beschäftigung, Schnüffeln und Situationen, in denen der Hund nicht permanent funktionieren muss.

Ruhe und Erregungsniveau spielen eine große Rolle

Ein Hund, der ohnehin ständig auf 180 läuft, kann seine Impulse schlechter kontrollieren.

Deshalb lohnt es sich bei sehr unruhigen, hektischen oder schnell explodierenden Hunden, nicht ausschließlich an einzelnen Problemsituationen zu arbeiten.

Wie sieht der gesamte Alltag aus?

Kommt der Hund ausreichend zur Ruhe? Gibt es ständig Action? Wird permanent gespielt, trainiert und beschäftigt? Erwartet der Hund hinter jeder Ecke das nächste Abenteuer?

Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Ein Hund muss nicht rund um die Uhr bespaßt werden. Langeweile in einem vernünftigen Maß auszuhalten gehört ebenfalls zum Leben.

Frust nicht mit Härte beantworten

Wenn ein Hund frustriert ist, kann sein Verhalten ziemlich anstrengend werden.

Trotzdem hilft es wenig, auf Frust mit noch mehr Druck zu reagieren.

Ein Hund, der an der Leine aus Frust bellt, lernt durch Anschreien nicht automatisch Frustrationstoleranz. Ein Hund, der kaum noch ansprechbar ist, wird durch immer strengere Kommandos nicht plötzlich gelassen.

Training sollte deshalb möglichst dort stattfinden, wo der Hund noch lernen kann.

Die Anforderungen werden langsam erhöht. Kleine Erfolge werden bestätigt. Gleichzeitig lernt der Hund, dass nicht jeder Wunsch sofort erfüllt wird und dass es sich trotzdem lohnt, ruhig zu bleiben.

Impulskontrolle und Frustrationstoleranz brauchen Zeit

Beide Fähigkeiten entstehen nicht innerhalb einer Woche.

Sie entwickeln sich durch viele kleine Erfahrungen.

Der Hund lernt, kurz zu warten. Er lernt, dass eine geschlossene Tür kein Weltuntergang ist. Er erlebt einen anderen Hund, ohne zu ihm zu dürfen. Er möchte etwas haben und bekommt es diesmal nicht. Er ist aufgeregt und schafft es trotzdem, sich wieder herunterzufahren.

Genau daraus entsteht nach und nach Selbstregulation.

Das Ziel ist dabei nicht der Hund, der sämtliche eigenen Bedürfnisse unterdrückt und nur noch auf Anweisungen wartet.

Das Ziel ist ein Hund, der Wünsche haben darf, sich freuen darf, aufgeregt sein darf und auch einmal frustriert sein darf – aber gelernt hat, mit diesen Gefühlen umzugehen.

Und genau das macht den Alltag am Ende wesentlich entspannter. Für den Hund genauso wie für den Menschen am anderen Ende der Leine.

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