
Kann man den Flatcoated Retriever noch retten?
Der Flatcoated Retriever gehört zu den Hunderassen, bei denen man beim Thema Gesundheit nicht mehr über einzelne ungünstige Linien, gelegentlich auftretende Erbkrankheiten oder ein paar unglückliche Zufälle sprechen kann. Die Rasse trägt ein populationsweites Problem mit sich herum: einen sehr engen Genpool, auffallend hohe genomische Inzuchtwerte, eine massive Belastung durch verschiedene Krebserkrankungen und in Teilen der Population eine erschreckend niedrige Lebenserwartung.
Das Tragische daran ist, dass der Flatcoat ansonsten beinahe alles mitbringt, was Menschen an einem Retriever lieben. Er ist freundlich, arbeitsfreudig, temperamentvoll, verspielt und häufig bis ins höhere Alter ein fröhlicher Kindskopf. Ausgerechnet dieser Hund, der im Wesen so viel Lebensfreude ausstrahlt, erreicht sein eigentliches Seniorenalter erstaunlich oft gar nicht.
In Schweden wird deshalb inzwischen eine Frage gestellt, die in der Rassehundezucht noch immer beinahe als Tabubruch gilt: Reicht es überhaupt noch aus, innerhalb der vorhandenen Flatcoat-Population sorgfältiger zu verpaaren, oder muss man den geschlossenen Genpool öffnen und gezielt Hunde anderer Retrieverrassen einkreuzen?
Die schwedische Züchterin Birgitta Backström vom Kennel Quills hat diese Frage für sich beantwortet. Sie begann ein eigenes Einkreuzungsprojekt und verpaarte eine Flatcoated-Retriever-Hündin mit einem Golden Retriever aus Arbeitslinien. Es handelt sich nicht um die Erzeugung eines modischen Designerhundes, sondern um den Versuch, der genetisch stark verengten Flatcoat-Population neue Varianten zuzuführen.
Gerade weil dieses Vorhaben außerhalb des schwedischen Kennelclubs durchgeführt wurde und innerhalb der Rasse für erhebliche Auseinandersetzungen sorgte, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Wie alt wird ein Flatcoated Retriever wirklich?
Über die Lebenserwartung des Flatcoated Retrievers kursieren sehr unterschiedliche Angaben. Je nach Quelle werden acht bis zehn, zehn bis zwölf oder inzwischen sogar durchschnittlich 11,7 Jahre genannt. Diese Zahlen widersprechen sich nur scheinbar, denn sie stammen aus verschiedenen Ländern, Zeiträumen und Erhebungsmethoden.
Eine britische Langzeitstudie begleitete 174 Flatcoated Retriever über viele Jahre. Von diesen Hunden starben 42 Prozent nachweislich an einer Tumorerkrankung. Weitere 11,6 Prozent starben an nicht abschließend bestätigten Tumoren. Bei den Hunden mit nachgewiesener Krebserkrankung lag das mediane Sterbealter bei neun Jahren, bei Hunden mit Sarkomen sogar nur bei acht Jahren. Flatcoats, die aus anderen Gründen starben, erreichten dagegen ein medianes Alter von zwölf Jahren.
Das ist ein entscheidender Befund. Er zeigt nämlich, dass der Flatcoat körperlich durchaus das Potenzial besitzt, zwölf Jahre und älter zu werden. Die Rasse ist nicht allein aufgrund ihrer Größe zwangsläufig kurzlebig. Es ist vor allem die außergewöhnliche Krebsbelastung, die einen großen Teil der Hunde früh aus dem Leben reißt.
Noch bedrückender wirken die neueren schwedischen Versicherungsdaten aus den Jahren 2016 bis 2021. Unter den erfassten Flatcoats lag das mediane Sterbealter bei lediglich 7,6 Jahren, Tumorerkrankungen waren die häufigste Todesursache. Median bedeutet: Die Hälfte der in dieser Auswertung enthaltenen verstorbenen Hunde war höchstens 7,6 Jahre alt.
Diese Zahl darf nicht mit der durchschnittlichen Lebenserwartung sämtlicher in Schweden geborener Flatcoats gleichgesetzt werden. In die Statistik gingen Todesfälle ein, für die noch Leistungen aus einer Lebensversicherung gezahlt wurden, während ältere Hunde teilweise nicht mehr lebensversichert sind. Dadurch werden frühere Todesfälle stärker abgebildet. Trotzdem ist eine solche Zahl ein Alarmsignal. Sie zeigt, wie viele Flatcoats bereits in einem Alter sterben, in dem ein Retriever eigentlich noch mitten im Leben stehen sollte.
Natürlich gibt es Flatcoats, die zwölf, dreizehn oder sogar vierzehn Jahre alt werden. Diese Hunde widerlegen das Rasseproblem aber ebenso wenig, wie ein neunzigjähriger Kettenraucher beweist, dass Rauchen ungefährlich sei. Einzelne langlebige Hunde sind erfreulich, sie ersetzen jedoch keine populationsweiten Daten.
Bei einem Flatcoat darf man sich deshalb tatsächlich über jeden Hund freuen, der seinen zehnten Geburtstag gesund erlebt. Zehn Jahre sollten für einen Retriever eigentlich kein außergewöhnlicher Erfolg sein. In vielen Flatcoat-Familien werden sie jedoch als kostbares Geschenk empfunden, weil Halter und Züchter zuvor bereits mehrere Hunde mit sechs, sieben oder acht Jahren an Krebs verloren haben.
Warum Krebs beim Flatcoated Retriever so häufig ist
Krebs ist auch bei anderen Hunderassen und bei älteren Mischlingen eine wichtige Todesursache. Beim Flatcoated Retriever tritt er jedoch auffallend häufig und teilweise ungewöhnlich früh auf. Besonders bekannt ist die Belastung durch das histiozytäre Sarkom, eine aggressive Tumorerkrankung, die von Zellen des Immunsystems ausgeht.
Auch mein eigener Flat „ Black Amandas Punch Line“ starb mit 9 Jahre an HS.
Ein histiozytäres Sarkom kann örtlich begrenzt beginnen, beispielsweise in Haut, Unterhaut, Gliedmaßen oder Gelenkregionen. Es kann aber auch mehrere Organe gleichzeitig betreffen oder früh metastasieren. Milz, Leber, Lunge, Lymphknoten und Knochenmark können beteiligt sein. Die Beschwerden sind häufig zunächst wenig eindeutig: eine plötzlich auftretende Lahmheit, Gewichtsverlust, nachlassende Kondition, Appetitmangel, Müdigkeit, blasse Schleimhäute oder eine tastbare Umfangsvermehrung.
Neben histiozytären Sarkomen kommen beim Flatcoat weitere Weichteilsarkome, maligne Melanome, Lymphome und andere bösartige Tumoren vor. Das Problem besteht also nicht aus einer einzigen Erbkrankheit, die sich mit einem einfachen DNA-Test aus der Zucht entfernen ließe. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe genetische Anfälligkeit, an der vermutlich zahlreiche Genvarianten sowie deren Kombinationen beteiligt sind.
Genau das macht die züchterische Bekämpfung so schwierig. Ein Züchter kann nicht einen einzigen Trägertest durchführen, zwei freie Hunde verpaaren und damit das Krebsproblem erledigen. Manche betroffenen Hunde erkranken außerdem erst, nachdem sie bereits Nachkommen hervorgebracht haben. Ein äußerlich kerngesunder fünfjähriger Deckrüde kann zahlreiche Würfe zeugen und zwei Jahre später an einem aggressiven Sarkom sterben. Zu diesem Zeitpunkt sind seine Gene längst weit in der Population verbreitet.
Was Inzucht mit der kurzen Lebensdauer zu tun hat
Inzucht verursacht nicht automatisch eine bestimmte Krebserkrankung. Es wäre zu einfach zu behaupten, ein hoher Inzuchtgrad führe unmittelbar zu histiozytärem Sarkom. Dennoch kann starke genetische Verarmung die Gesundheit einer Population auf mehreren Ebenen beeinträchtigen.
Jeder Hund trägt ungünstige Genvarianten. In einer genetisch vielfältigen Population liegen solche Varianten häufig nur auf einer der beiden Genkopien vor und werden durch eine günstigere Variante des anderen Elternteils ausgeglichen. Sind die Elterntiere jedoch eng miteinander verwandt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachkomme dieselbe ungünstige Variante von beiden Seiten erhält.
Hinzu kommt die sogenannte Inzuchtdepression. Gemeint ist damit keine einzelne Erkrankung, sondern eine allgemeine Abnahme biologischer Widerstandskraft. Sie kann sich unter anderem in kleineren Würfen, geringerer Fruchtbarkeit, höherer Welpensterblichkeit, schwächerer Immunabwehr und einer verminderten Anpassungsfähigkeit an Krankheiten zeigen.
Bei komplexen Erkrankungen wie Krebs kommt ein weiteres Problem hinzu. Das Immunsystem muss entartete Zellen erkennen und beseitigen können. Eine große genetische Vielfalt, insbesondere in bestimmten Bereichen des Immunsystems, erhöht die Bandbreite möglicher Abwehrreaktionen. Wird diese Vielfalt über Generationen immer weiter reduziert, kann auch die Fähigkeit der Population abnehmen, auf unterschiedliche gesundheitliche Belastungen angemessen zu reagieren.
Man kann sich den Genpool wie einen Werkzeugkasten vorstellen. Eine große, genetisch vielfältige Population besitzt zahlreiche unterschiedliche Werkzeuge. In einer stark verengten Population liegen dagegen zwanzig nahezu gleiche Schraubendreher, aber kaum noch Zangen, Schlüssel oder Hämmer. Solange nur eine bestimmte Schraube festgezogen werden muss, fällt das nicht auf. Kommt eine andere Aufgabe, fehlt plötzlich das passende Werkzeug.
Viele Flatcoats bedeuten noch keinen großen Genpool
Eine Rasse kann weltweit aus vielen Tausend Hunden bestehen und dennoch genetisch äußerst klein sein. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der lebenden Hunde, sondern von wie vielen unterschiedlichen Vorfahren deren Erbgut tatsächlich stammt und wie gleichmäßig diese Vorfahren in der heutigen Population vertreten sind.
Nach Angaben aus der schwedischen Flatcoat-Debatte geht ein erheblicher Teil der heutigen weltweiten Population auf ungefähr 60 britische Hunde aus den 1940er-Jahren zurück. Von diesen sollen wiederum nur etwa zehn einen besonders großen Einfluss auf die spätere Zucht gehabt haben. Einzelne erfolgreiche Ausstellungshunde, Arbeitshunde und Deckrüden wurden überdurchschnittlich häufig eingesetzt, während andere Linien verschwanden.
Dieses Phänomen wird als Popular-Sire-Effekt bezeichnet. Ein besonders erfolgreicher Rüde deckt nicht nur fünf oder zehn Hündinnen, sondern hinterlässt Dutzende oder sogar Hunderte Nachkommen. In der nächsten Generation werden seine Söhne, Töchter und Enkel erneut verwendet. Nach einigen Jahrzehnten findet sich derselbe Rüde in nahezu jedem Stammbaum, häufig sogar mehrfach.
Dann hilft es nur noch begrenzt, einen schwedischen Flatcoat mit einem britischen, amerikanischen oder australischen Hund zu verpaaren. Die Stammbäume sehen auf den ersten Blick unterschiedlich aus, führen weiter hinten aber immer wieder zu denselben einflussreichen Ahnen zurück.
Stammbaum-Inzucht und genomische Inzucht sind nicht dasselbe
In der traditionellen Hundezucht wird der Inzuchtkoeffizient anhand des Stammbaums berechnet. Dabei wird beispielsweise untersucht, welche gemeinsamen Vorfahren innerhalb der letzten fünf Generationen auftauchen. Das ist sinnvoll, zeigt aber nur den Ausschnitt, den man in die Berechnung einbezieht.
Ein Hund kann über fünf Generationen einen Stammbaum-Inzuchtwert von null Prozent besitzen und genomisch trotzdem stark ingezüchtet sein. Die gemeinsamen Vorfahren liegen dann lediglich weiter zurück. Außerdem trägt jeder Nachkomme aufgrund der zufälligen Verteilung des Erbgutes nicht exakt dieselben Anteile seiner Ahnen.
Genomische Untersuchungen analysieren direkt die DNA und suchen nach langen Abschnitten, in denen beide Chromosomenkopien identisch sind. Solche „Runs of Homozygosity“ zeigen, wie viel des Erbgutes tatsächlich in doppelter, übereinstimmender Form vorliegt.
Kennel Quills berichtet von mehr als 40 untersuchten Flatcoats aus verschiedenen Teilen der Welt, bei denen genomische Inzuchtwerte zwischen 25 und 52 Prozent festgestellt worden seien. Bei der für das Einkreuzungsprojekt vorgesehenen Flatcoat-Hündin Iris nennt Quills einen genomischen Wert von 36 Prozent.
Diese Zahlen stammen aus den Untersuchungen und Darstellungen des Kennels und dürfen nicht als repräsentative wissenschaftliche Erhebung über sämtliche Flatcoats ausgegeben werden. Sie sind dennoch ausgesprochen beunruhigend. Ein berechneter Wert von null Prozent über fünf Generationen klingt schließlich beruhigend, während ein genomischer Wert von 36 Prozent eine vollkommen andere Geschichte erzählt.
Warum sorgfältige Auswahl innerhalb der Rasse nicht mehr ausreichen könnte
Züchter können innerhalb einer geschlossenen Population nur mit den Genvarianten arbeiten, die noch vorhanden sind. Sie können Verpaarungen geschickter planen, häufig verwendete Rüden meiden, seltenere Linien stärker berücksichtigen und den weiteren Anstieg der Inzucht verlangsamen. Verlorene genetische Varianten können sie jedoch nicht zurückholen.
Genau hier liegt die Grenze des klassischen Zuchtversprechens: „Wir suchen einfach möglichst unverwandte Flatcoats aus.“
Wenn praktisch alle Flatcoats einen großen Teil ihrer genetischen Herkunft miteinander teilen, bedeutet „unverwandt“ häufig nur, dass innerhalb der betrachteten fünf Generationen kein gemeinsamer Name auftaucht. Die tiefer liegende Verwandtschaft der gesamten Population bleibt bestehen.
Auch Gesundheitsuntersuchungen allein lösen das Krebsproblem nicht. Röntgenuntersuchungen von Hüften und Ellenbogen, Augenuntersuchungen und DNA-Tests auf bekannte Einzelmutationen sind wichtig. Sie verändern aber nicht automatisch die genetische Vielfalt der Population und erfassen auch keine komplexe Krebsveranlagung, an der viele Gene beteiligt sein können.
Schlimmstenfalls kann eine immer strengere Auswahl nach zahlreichen Einzelmerkmalen den Genpool sogar weiter verkleinern. Werden alle Hunde ausgeschlossen, die irgendwo nicht vollkommen ideal erscheinen, bleiben am Ende noch weniger Zuchttiere übrig. Diese wenigen Hunde werden dann umso häufiger eingesetzt.
Das Einkreuzungsprojekt von Kennel Quills
Birgitta Backström züchtet nach eigenen Angaben seit 1984 Flatcoated Retriever. Ihre Entscheidung zur Einkreuzung entstand nicht aus Unkenntnis der Rasse, sondern nach Jahrzehnten innerhalb der Flatcoat-Zucht. Nach ihrer Darstellung sei die genetische Situation inzwischen so ernst, dass sie eine unveränderte Fortsetzung der Reinzucht ethisch nicht mehr vertreten könne.
Für die erste Generation wurde Quills Iris, eine Flatcoat-Hündin aus Arbeitslinien, mit Findus, einem Golden Retriever aus jagdlicher Zucht, verpaart. Die Welpen wurden am 29. April geboren und werden als F1-Generation bezeichnet. Sie besitzen rechnerisch jeweils etwa 50 Prozent Flatcoat- und 50 Prozent Golden-Retriever-Abstammung.
Der Golden Retriever wurde nicht zufällig ausgewählt. Flatcoat und Golden Retriever sind verwandte Retrieverrassen mit ähnlichen ursprünglichen Aufgaben. Ein Golden aus Arbeitslinien bringt Apportierfreude, Kooperationsbereitschaft, jagdliche Anlagen und einen zum Flatcoat passenden Körperbau mit. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich wesentliche Eigenschaften des Flatcoats erhalten lassen, als bei der Einkreuzung einer vollkommen andersartigen Hunderasse.
Nach Angaben von Quills besitzen beide Elterntiere HD A und unauffällige Augenbefunde, der Golden-Rüde ist außerdem ED-frei. Sein genomischer Inzuchtwert wird mit 20 Prozent angegeben, der der Flatcoat-Hündin mit 36 Prozent. Auch die Welpen sollen genomisch untersucht werden.
Während des ersten Lebensjahres sind Treffen mit den Käufern vorgesehen, bei denen Entwicklung, Gesundheit, Wesen und Arbeitsanlagen beurteilt werden. Die Halter sollen bei Ausbildung und Apportierarbeit begleitet werden. Später sollen nur geeignete Hunde für weitere Generationen ausgewählt werden.
Das unterscheidet einen ernsthaften Einkreuzungsversuch von einer gewöhnlichen Mischlingsvermehrung. Es reicht nicht, zwei Hunde unterschiedlicher Rassen miteinander zu verpaaren und anschließend zu behaupten, die Welpen seien wegen des sogenannten Heterosiseffekts automatisch gesund. Entscheidend sind die Auswahl der Ausgangstiere, die langfristige Dokumentation sämtlicher Nachkommen und ein Zuchtplan, der mehrere Generationen umfasst.
Warum Quills den schwedischen Kennelclub verließ
Quills begann das Projekt nicht unter einer erteilten Genehmigung des schwedischen Kennelclubs SKK. Nach Darstellung des Kennels wurden entsprechende Anträge nicht genehmigt. Daraufhin verließ Birgitta Backström den SKK und setzte das Vorhaben außerhalb des offiziellen Zuchtbuches um.
Auch der schwedische Flatcoated Retrieverklub nahm öffentlich zu der Debatte Stellung. Innerhalb des Clubs bestand die Sorge, dass ein derart weitreichender Eingriff nicht von einzelnen Züchtern nach jeweils eigenen Vorstellungen durchgeführt werden sollte. Ein Einkreuzungsprogramm müsse nach dieser Auffassung vom Rasseclub getragen, wissenschaftlich begleitet, langfristig geplant und von einem erheblichen Teil der Züchterschaft unterstützt werden.
Diese Gegenposition ist nicht vollkommen abwegig. Ein unkoordiniertes Projekt kann tatsächlich neue Probleme in die Population bringen. Die Donorrasse kann ebenfalls erbliche Belastungen besitzen. Ohne ausreichend große Nachkommengruppen, verlässliche Datenerfassung und transparente Auswahlkriterien besteht die Gefahr, dass am Ende zwar fremdes Erbgut, aber nicht unbedingt mehr Gesundheit eingebracht wird.
Die Gegenseite hält dem entgegen, dass man nicht jahrelang über Zuständigkeiten und Projektgruppen beraten könne, während weiterhin Hunde aus einer genetisch extrem verengten Population gezüchtet werden und viele von ihnen früh an Krebs sterben.
Genau darin liegt der Kern des schwedischen Konflikts. Es geht nicht einfach um „Mischling gegen Rassehund“, sondern um die Frage, ob langwierige institutionelle Absicherung oder schnelleres züchterisches Handeln angesichts der bestehenden Gesundheitslage verantwortlicher ist.
Der neue schwedische Antrag von 2024
Im Jahr 2024 stellten mehrere schwedische Flatcoat-Züchter erneut einen Antrag auf ein offizielles Einkreuzungsprojekt. Sie verwiesen unter anderem auf genomische Untersuchungen und argumentierten, dass die hohe Inzucht wesentlich zur Krankheitsbelastung und geringen Lebenserwartung beitragen könne.
Der zuständige Ausschuss des SKK lehnte den vorgelegten Antrag im November 2024 ab. Dabei wurde die Einkreuzung jedoch nicht grundsätzlich verworfen. Im Gegenteil: Der SKK äußerte sich gegenüber einem entsprechenden Projekt beim Flatcoated Retriever grundsätzlich positiv.
Abgelehnt wurde die konkrete Form als Initiative einzelner Züchter. Der Flatcoated Retrieverklub und der übergeordnete Retrieververband verlangten ein gemeinsames, rasseweites Konzept mit klaren Zuchtzielen, Auswahlregeln für Donortiere, langfristiger Nachverfolgung und breiter Unterstützung innerhalb der Züchterschaft.
Das lässt sich durchaus als Wendepunkt verstehen. Ein großer Kennelclub erklärt damit nicht mehr, dass die Reinrassigkeit unter allen Umständen erhalten werden müsse. Er erkennt an, dass die genetische Situation ein kontrolliertes Öffnen des Zuchtbuches rechtfertigen könnte. Gestritten wird vor allem darüber, wer ein solches Projekt führen darf und unter welchen Bedingungen es stattfinden soll.
Wie würde die Rückkreuzung aussehen?
Nach einer ersten Verpaarung zwischen Flatcoat und Donorrasse könnten ausgewählte F1-Nachkommen wieder mit Flatcoated Retrievern verpaart werden. Rechnerisch entstünden dabei folgende Anteile:
- F1: 50 Prozent Flatcoat, 50 Prozent Donorrasse
- erste Rückkreuzung: 75 Prozent Flatcoat
- zweite Rückkreuzung: 87,5 Prozent Flatcoat
- dritte Rückkreuzung: 93,75 Prozent Flatcoat
Diese Prozentzahlen sagen allerdings wenig darüber aus, welche konkreten Genvarianten ein einzelner Hund geerbt hat. Bei jeder Generation wird das Erbgut neu verteilt. Zwei Hunde mit rechnerisch 87,5 Prozent Flatcoat können genetisch durchaus unterschiedliche Abschnitte der Donorrasse tragen.
Das Ziel darf deshalb nicht darin bestehen, möglichst schnell wieder einen nahezu „reinen“ Flatcoat zu erzeugen. Wer nach jeder Generation nur auf einen möglichst hohen Flatcoat-Anteil schaut, kann einen großen Teil der neu gewonnenen Vielfalt gleich wieder verlieren.
Quills möchte die Rückkreuzungen nach eigenen Angaben nur so weit führen, dass Wesen, Arbeitsanlagen und Erscheinungsbild des Flatcoats erhalten bleiben, ohne den genomischen Inzuchtgrad sofort wieder in die Höhe zu treiben. Langfristig hält der Kennel sogar mehrere Donorrassen und offenere Zuchtbücher für sinnvoll.
Aus populationsgenetischer Sicht ist dieser Gedanke nachvollziehbar. Eine einzige Einkreuzung mit einem einzigen Golden Retriever erweitert den Genpool nur begrenzt. Werden später sämtliche Projekt-Nachkommen auf denselben kleinen Kreis von Flatcoat-Linien zurückgeführt, entsteht erneut ein Flaschenhals. Für eine nachhaltige Erweiterung wären mehrere genetisch unterschiedliche Donortiere und mehrere voneinander unabhängige Projektlinien erheblich wertvoller.
Ist ein Working Golden wirklich die richtige Donorrasse?
Ein Golden Retriever aus Arbeitslinien ist eine naheliegende Wahl, aber keine vollkommen risikofreie. Auch Golden Retriever sind überdurchschnittlich häufig von Krebserkrankungen betroffen. Deshalb muss man kritisch prüfen, ob gerade diese Rasse den gewünschten gesundheitlichen Gewinn ausreichend liefern kann.
Für den Working Golden sprechen die ähnlichen jagdlichen Aufgaben, das kooperative Wesen, die Apportierfreude, die Wasserfreude und der im Vergleich zu vielen Showlinien weniger schwere Körperbau. Gegen ihn spricht vor allem, dass auch seine Population nicht frei von genetischer Verengung und Krebsbelastung ist.
Der genomische Inzuchtwert des verwendeten Rüden liegt nach Angaben von Quills mit 20 Prozent immerhin deutlich unter den 36 Prozent der Flatcoat-Hündin, ist aber keineswegs niedrig im allgemeinen Sinne. Die Verpaarung dürfte die Homozygotie der unmittelbaren Nachkommen deutlich reduzieren, sie löst jedoch nicht mit einem einzigen Wurf die Gesundheitsprobleme einer ganzen Rasse.
Ein seriöses Projekt muss deshalb über Jahrzehnte denken. Erst die Gesundheits- und Lebenszeitdaten der F1, der Rückkreuzungen und ihrer Nachkommen können zeigen, ob die Maßnahme tatsächlich zu weniger Krebs, längerer Lebensdauer und größerer genetischer Stabilität führt.
Einkreuzung ist keine Garantie für gesunde Hunde
Die F1-Generation kann durch die Verbindung genetisch unterschiedlicher Populationen von größerer Heterozygotie profitieren. Das wird häufig als Heterosiseffekt bezeichnet. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder F1-Hund automatisch gesund ist.
Beide Eltern können ungünstige dominante Genvarianten weitergeben. Erkrankungen, die in beiden Rassen vorkommen, verschwinden durch die Kreuzung ebenfalls nicht. Zudem können in späteren Generationen verdeckte Anlagen wieder zusammentreffen.
Ein Einkreuzungsprojekt braucht deshalb mindestens:
- umfassend untersuchte und wesensfeste Ausgangstiere,
- genomische Analysen statt ausschließlich kurzer Stammbaumberechnungen,
- vollständige Erfassung aller geborenen Welpen,
- Offenheit auch über erkrankte und früh verstorbene Hunde,
- einheitliche Gesundheitsuntersuchungen,
- Dokumentation von Fruchtbarkeit, Wurfgröße und Welpensterblichkeit,
- Beurteilung von Wesen und Arbeitsanlagen,
- eine Planung über zahlreiche Generationen,
- mehrere voneinander unabhängige Donorlinien,
- wissenschaftliche Auswertung der Langzeitergebnisse.
Vor allem die Veröffentlichung negativer Ergebnisse ist entscheidend. Ein Projekt ist wissenschaftlich wertlos, wenn nur gesunde, hübsche und erfolgreiche Hunde gezeigt werden, während Krankheiten, Wesensprobleme oder frühe Todesfälle still aus den Aufzeichnungen verschwinden.
Warum Warten ebenfalls eine Entscheidung ist
Gegner eines Einkreuzungsprojekts betonen häufig die Risiken des Handelns. Dabei wird leicht übersehen, dass auch das Nichthandeln erhebliche Risiken besitzt.
Jeder weitere Wurf innerhalb der geschlossenen Population setzt die bisherige genetische Entwicklung fort. Selbst klug geplante Verpaarungen können lediglich bremsen, wie schnell weitere Vielfalt verloren geht. Sie können keine bereits verschwundenen Varianten zurückbringen.
Wenn eine Rasse nachweislich eine extreme Tumorbelastung trägt und ein großer Teil der erkrankten Hunde mit acht oder neun Jahren stirbt, ist die Bewahrung der genetischen Reinheit kein neutraler Zustand. Sie besitzt einen Preis, den nicht die Verbände oder Zuchtbücher bezahlen, sondern die Hunde und ihre Familien.
Natürlich muss der Flatcoated Retriever in Wesen, Arbeitsanlagen und Erscheinungsbild erkennbar bleiben. Aber eine Rasse ist mehr als ein geschlossener Stammbaum. Ein Hund, der äußerlich vollkommen dem Standard entspricht, mit sieben Jahren jedoch an einem aggressiven Sarkom stirbt, ist kein Erfolg verantwortungsvoller Rassezucht.
Gesundheit und eine angemessene Lebensdauer müssen schwerer wiegen als die Vorstellung, jeder Vorfahr müsse seit Schließung des Zuchtbuches derselben Rasse angehört haben.
Was Welpenkäufer unbedingt fragen sollten
Wer heute einen Flatcoated Retriever kaufen möchte, sollte sich nicht mit HD-, ED- und Augenuntersuchungen der Elterntiere zufriedengeben. Diese Befunde sind wichtig, sagen aber wenig über die Krebsbelastung der Familie aus.
Entscheidend ist, wie alt Eltern, Großeltern, Geschwister, Halbgeschwister und frühere Nachkommen geworden sind und woran sie erkrankten oder starben. Dabei sollte ein Züchter nicht nur von zwei besonders langlebigen Urgroßmüttern erzählen, sondern möglichst vollständige Angaben zu ganzen Würfen machen können.
Hilfreiche Fragen sind:
- Wie alt wurden die Eltern und Großeltern?
- Woran starben bereits verstorbene nahe Verwandte?
- Gab es histiozytäre Sarkome oder andere bösartige Tumoren?
- Wie alt waren die betroffenen Hunde bei der Diagnose?
- Existieren noch vollständige Geschwistergruppen aus früheren Würfen?
- Wie viele dieser Hunde leben noch?
- Wurden einzelne Rüden sehr häufig eingesetzt?
- Wie hoch ist der genomische Inzuchtwert der geplanten Welpen?
- Nach welchen Kriterien wurde gerade diese Verpaarung gewählt?
- Werden Erkrankungen und Todesursachen dauerhaft erfasst?
Kein Züchter kann garantieren, dass ein Welpe niemals an Krebs erkrankt. Man darf aber Transparenz erwarten. Wer Fragen nach verstorbenen Verwandten abwehrt oder ausschließlich auf einen niedrigen Fünf-Generationen-Wert verweist, setzt sich mit dem eigentlichen Problem der Rasse nicht ausreichend auseinander.
Hat der Flatcoated Retriever noch eine Zukunft?
Ja, aber vermutlich nicht, wenn man einfach genauso weiterzüchtet wie bisher.
Der Flatcoat ist keine verlorene Rasse. Es gibt langlebige Hunde, engagierte Züchter, umfangreiche Gesundheitsdaten und inzwischen genomische Möglichkeiten, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Die entscheidenden Werkzeuge sind also vorhanden.
Was fehlt, ist der Mut, die Konsequenzen aus den vorhandenen Erkenntnissen zu ziehen.
Ein kontrolliertes Einkreuzungsprojekt wird nicht sofort beweisen können, dass dadurch sämtliche Krebsprobleme verschwinden. Es kann neue Schwierigkeiten mitbringen und muss streng begleitet werden. Angesichts der genetischen Verengung wäre es jedoch fahrlässig, diese Möglichkeit allein aus Angst vor dem Verlust vermeintlicher Reinrassigkeit abzulehnen.
Das Projekt von Kennel Quills ist kein fertiger Rettungsplan und auch kein Beweis dafür, dass ein Golden Retriever die Rasse gesund machen wird. Es ist ein erster, streitbarer Versuch, den geschlossenen genetischen Kreis zu durchbrechen. Ob die konkrete Linie langfristig erfolgreich sein wird, kann erst die Zukunft zeigen.
Der Grundgedanke dahinter ist jedoch kaum von der Hand zu weisen: Wenn eine Population genetische Vielfalt verloren hat, kann man diese nicht durch immer neue Kombinationen derselben alten Linien zurückholen. Irgendwann muss frisches Erbgut von außen kommen.
Beim Flatcoated Retriever drängt die Zeit. Nicht weil jeder Hund früh stirbt und nicht weil zehnjährige Flatcoats außergewöhnliche Wunder wären, sondern weil viel zu viele dieser lebensfrohen Hunde ihr zehntes Lebensjahr nicht erreichen. Eine Rasse, bei der ein acht- oder neunjähriger Krebstod beinahe als bekanntes Berufsrisiko hingenommen wird, hat kein kleines Gesundheitsproblem.
Sie hat einen züchterischen Notfall.






