
Fellarten beim Hund
Aufbau, Pflege und warum Scheren so viel kaputt macht
Zwei Hunde liegen nebeneinander in der Sonne. Der eine ist ein Rauhaardackel, der andere ein Goldendoodle. Beide haben Haare, beide haaren angeblich wenig, beide sitzen beim selben Hundefriseur auf dem Tisch. Und beide brauchen eine völlig unterschiedliche Behandlung. Wird der eine geschoren, verliert er seine Struktur und seine Farbe. Wird der andere über Wochen nur oberflächlich gebürstet, sitzt er in einer Filzplatte, die an seiner Haut zieht.
Fell ist kein Zubehör. Es ist ein Organ mit Aufgaben: Wärmeschutz, Kälteschutz, Sonnenschutz, Nässeschutz, Schutz vor Dornen und Insektenstichen, dazu Tastsinn und Ausdrucksmittel. Wer weiß, welchen Felltyp sein Hund trägt, versteht sofort, welches Werkzeug in die Hand gehört und welches im Schrank bleibt.
Wie ein Hundefell aufgebaut ist
Auf der Haut sitzen zwei Haartypen. Das Deckhaar, auch Grannenhaar oder Primärhaar genannt, ist kräftig, länger und trägt bei den meisten Rassen die Farbe. Es leitet Wasser ab, hält Schmutz von der Haut fern und fängt einen großen Teil der Sonnenstrahlung ab. Darunter liegt die Unterwolle, das Sekundärhaar oder Wollhaar. Sie ist fein, weich, gekräuselt und steht dicht. Ihre Aufgabe ist Luft. Zwischen den feinen Haaren steht eine Luftschicht, und Luft ist der beste Isolator, den die Natur zu bieten hat.
Beim Hund sitzen diese Haare in Gruppen zusammen. Ein kräftiges Deckhaar teilt sich die Öffnung in der Haut mit mehreren feinen Wollhaaren. Deshalb sieht ein Hundefell so dicht aus, obwohl die Haut darunter deutlich weniger Poren hat, als man vermuten würde.
Jedes einzelne Haar durchläuft einen Kreislauf. Es wächst (Fachleute sagen Anagen), stellt das Wachstum ein, ruht in der Haut (Telogen) und fällt irgendwann aus. Gesteuert wird dieser Kreislauf von der Tageslichtlänge, von der Temperatur, von Hormonen, vom Ernährungszustand und vom Gesundheitszustand. Die entscheidende Frage bei jedem Felltyp lautet: Wie lange bleibt ein Haar in der Wachstumsphase, und verlässt das tote Haar die Haut von allein?
Aus diesen beiden Größen ergibt sich alles Weitere. Ein Haar, das nach acht Wochen aufhört zu wachsen und danach ausfällt, ergibt ein kurzes Fell mit Fellwechsel. Ein Haar, das viele Monate weiterwächst und in der Haut stecken bleibt, ergibt ein Fell, das geschnitten werden muss. Ein Haar, das aufhört zu wachsen, aber trotzdem in der Haut hängen bleibt, ergibt einen Trimmhund.
Glatthaar und Kurzhaar
Hier liegt das Deckhaar kurz und eng am Körper an, die Unterwolle ist spärlich bis gar nicht vorhanden.
Typische Vertreter sind der Kurzhaardackel, der Dobermann, der Boxer, der Weimaraner und der Whippet.
Pflege: Ein Gummistriegel oder ein Noppenhandschuh einmal die Woche reicht. Das nimmt lose Haare mit und regt die Durchblutung an. Diese Hunde haaren trotzdem, und zwar gleichmäßig übers ganze Jahr. Die feinen, spitzen Haare bohren sich gern in Textilien, weshalb Halter von Kurzhaarhunden oft mehr putzen als Halter mancher Langhaarrasse.
Besonderheit: Wenig Fell heißt wenig Schutz. Dünn behaarte Hunde mit heller Haut kühlen im Winter schneller aus und bekommen im Sommer schneller einen Sonnenbrand, vor allem auf dem Nasenrücken, an den Ohrrändern, am Bauch und in den Leisten. Bei sehr kurz behaarten, hellen Hunden lohnt sich Schatten in der Mittagszeit und bei Bedarf ein Sonnenschutz für Tiere aus der Tierarztpraxis.
Stockhaar, das klassische Doppelhaar
Der ursprünglichste Felltyp, den auch der Wolf trägt. Mittellanges, festes Deckhaar über sehr dichter Unterwolle. Zweimal im Jahr wechselt der Hund die Unterwolle, gesteuert von der Tageslichtlänge.
Typische Vertreter sind der Deutsche Schäferhund, der Labrador Retriever, der Siberian Husky, der Australian Shepherd, der Berner Sennenhund und der Corgi.
Pflege: Auskämmen, und zwar bis auf die Haut. Im Fellwechsel täglich, sonst ein- bis zweimal die Woche. Geeignet sind ein grober Metallkamm und eine Unterwollharke. Ein sauber ausgekämmtes Doppelhaar arbeitet von allein: Die Luftschicht bleibt frei, Wasser perlt vom Deckhaar ab, die Haut bleibt trocken.
Diese Hunde bleiben ungeschoren. Warum, dazu kommt gleich ein eigener Abschnitt.
Langhaar mit Unterwolle
Langes, oft seidiges Deckhaar mit Befederung an Ohren, Läufen, Brust und Rute, darunter Unterwolle. Viele dieser Rassen sind gleichzeitig Trimmhunde, das heißt, ihr totes Deckhaar fällt nur schwer von allein aus.
Typische Vertreter sind der Langhaardackel, der Cocker Spaniel, der Golden Retriever, der Irish Setter, der Kleine Münsterländer und der Collie.
Pflege: Kämmen bis zur Haut, zwei- bis dreimal die Woche, an den Befederungen häufiger. Die Befederung hinter den Ellenbogen, unter den Ohren, in den Achseln und an den Hosen verfilzt zuerst, weil dort Bewegung und Reibung zusammenkommen. Ohrinnenseiten und Pfoten werden vorsichtig ausgedünnt, damit Luft an die Haut kommt und sich zwischen den Ballen keine Knoten bilden.
Bei Spaniels und Settern gehört zusätzlich das Auszupfen des reifen Deckhaars dazu. Wer das übernimmt, hält Farbe und Glanz und die wasserabweisende Wirkung des Fells.
Rauhaar und Drahthaar
Hartes, borstiges, eng anliegendes Deckhaar über kurzer, dichter Unterwolle. Das Haar wächst nur bis zu einer erblich festgelegten Länge und stellt dann das Wachstum ein. Es fällt aber kaum von allein aus, sondern bleibt in der Haut stecken und blockiert dort das nachwachsende Haar.
Typische Vertreter sind der Rauhaardackel, der Deutsch Drahthaar, der Drahthaar-Foxterrier, der Airedale Terrier, der Schnauzer und der West Highland White Terrier.
Pflege: Trimmen, also Zupfen. Reifes, totes Deckhaar wird mit Daumen und Zeigefinger oder mit einem stumpfen Trimmmesser in Wuchsrichtung aus der Haut gelöst. Reif ist ein Haar, wenn es sich mit leichtem Zug löst, während der Hund entspannt liegen bleibt. Der Rhythmus liegt meist bei sechs bis zwölf Wochen, je nach Hund und je nach Haaranlage. Wer diesen Takt hält, hat dauerhaft mehrere Deckhaarschichten unterschiedlicher Reife auf dem Hund, im Grooming heißt das rollendes Fell.
Kleine Ausnahme: An den Pfoten, zwischen den Ballen und im Intimbereich darf die Schere ran. Am Körper bleibt sie weg.
Lockenhaar und wachsendes Haar
Hier bleibt das Haar sehr lange in der Wachstumsphase und wird deshalb immer länger. Einen Fellwechsel im klassischen Sinn gibt es kaum. Ausgefallene Haare bleiben in der Locke hängen, statt auf den Teppich zu fallen. Das ist der Grund für den Ruf, diese Hunde würden nicht haaren. Sie haaren, nur bleibt das Haar im Fell.
Typische Vertreter sind der Pudel, der Bichon Frisé, der Malteser, der Lagotto Romagnolo, der Portugiesische Wasserhund und der Irish Soft Coated Wheaten Terrier.
Pflege: Täglich oder jeden zweiten Tag durchkämmen, mit einem groben Metallkamm bis auf die Haut, dazu alle sechs bis acht Wochen ein Haarschnitt. Bei diesem Felltyp ist die Schermaschine das richtige Werkzeug, weil das Haar sonst schlicht weiterwächst.
Besonderheit: Genau bei diesen Hunden entsteht Filz am schnellsten, weil ausgefallenes Haar im Fell verbleibt. Ein Pudel, der vier Wochen nur oberflächlich gebürstet wurde, kann an der Haut bereits eine geschlossene Platte tragen, während er von oben flauschig aussieht.
Haarlose Rassen
Der Vollständigkeit halber, denn sie zeigen, was Fell eigentlich leistet.
Typische Vertreter sind der Chinesische Schopfhund, der Xoloitzcuintle, der Peruanische Nackthund und der American Hairless Terrier.
Die Haarlosigkeit der ersten drei geht auf dieselbe Erbanlage zurück, die dominant vererbt wird und in doppelter Ausführung nicht lebensfähig ist. Deshalb fallen in solchen Würfen regelmäßig behaarte Welpen, die sogenannten Powderpuffs. Nebenbei betrifft dieselbe Anlage auch die Zahnanlage, viele dieser Hunde haben lückenhafte Gebisse.
Pflege: Hautpflege statt Fellpflege. Sonnenschutz im Sommer, Kleidung im Winter, milde Reinigung, Kontrolle auf Mitesser und entzündete Stellen.
Was das Fell im Sommer wirklich leistet
Hier liegt das größte Missverständnis überhaupt. Der Hund kühlt sich über die Atmung. Er hechelt, verdunstet Wasser über Zunge, Maul und obere Atemwege und gibt so Wärme ab. Schweißdrüsen zur Kühlung sitzen lediglich an den Pfotenballen und spielen kaum eine Rolle. Über die Haut kühlt sich ein Hund also nur in sehr geringem Umfang.
Das Fell dagegen arbeitet in beide Richtungen. Die Luftschicht zwischen den Haaren bremst Wärme, die von außen kommt, genauso wie sie Wärme drinnen hält. Das glänzende Deckhaar wirft einen Teil der Sonnenstrahlung zurück, bevor sie überhaupt auf der Haut ankommt. Ein sauber ausgekämmter Doppelhaarhund liegt unter seinem Fell wie unter einem Sonnensegel.
Wird dieses Segel abgenommen, trifft die Strahlung direkt auf die Haut. Die Haut heizt sich auf, der Hund bekommt Sonnenbrand, und aus wiederholtem Sonnenbrand entsteht eine dauerhafte Lichtschädigung: gerötete, schuppende, später verdickte und vernarbte Haut mit Mitessern und Krusten. In der Tiermedizin heißt das solare Dermatitis. Aus solchen Bezirken entwickeln sich mit den Jahren Hauttumoren, allen voran das Plattenepithelkarzinom, dazu Gefäßtumoren. Frisch geschorene Haut ist besonders empfindlich, weil sie an Licht schlicht nicht gewöhnt ist.
Kühlung geht anders: Schatten, feuchte Handtücher zum Draufliegen, ein flaches Wasserbecken, Spaziergänge in die kühlen Tagesrandzeiten legen, im Fellwechsel konsequent die Unterwolle auskämmen. Ein Hund, der die alte Wolle los ist, hat wieder freie Luftzirkulation an der Haut, und genau das kühlt.
Warum Scheren beim Doppelhaar das Fell verändert
Deckhaar und Unterwolle wachsen unterschiedlich schnell. Die Unterwolle erneuert sich mehrmals im Jahr und kommt nach einer Schur zügig zurück. Das Deckhaar braucht sehr viel länger, bei manchen Hunden Jahre.
Das Ergebnis nach der ersten Schur sieht oft noch ordentlich aus. Nach der zweiten und dritten wird es sichtbar: Der Hund trägt vor allem Wolle. Diese Wolle steht wirr und filzt, weil das ordnende, glatte Deckhaar fehlt. Sie nimmt Wasser auf, statt es abzuleiten, und trocknet langsam. Die Haut darunter bleibt feucht, und feuchte Haut unter dichter Wolle ist ein Ort, an dem sich Hautprobleme entwickeln. Wärme kommt schlechter heraus, weil die Wolle keine ordentliche Luftschicht mehr bildet, sondern eine dichte Packung. Der geschorene Hund ist im Sommer am Ende schlechter dran als vorher.
Dazu kommt ein zweites Problem, das viele Halter überrascht.
Schuralopezie: wenn das Haar einfach ausbleibt
Nach einer Schur bis auf die Haut kann der Haarwechsel stehen bleiben. Die Haarwurzeln gehen geschlossen in die Ruhephase und starten nicht wieder. Tiermedizinisch heißt das Schuralopezie oder Post-Clipping-Alopezie.
Normal ist ein vollständiger Nachwuchs innerhalb von drei bis vier Monaten. Bleibt er länger aus, gilt das als auffällig. Beschrieben sind Fälle mit vollständigem Nachwuchs erst nach zwölf bis vierundzwanzig Monaten, und es gibt Hunde, bei denen die Stelle dünn und struppig bleibt. Betroffen sind vor allem Rassen mit dichter, plüschiger Behaarung und die nordischen Rassen, beschrieben ist es unter anderem beim Husky, beim Malamute und beim Golden Retriever. Eine Erklärung lautet, dass die kühlere Haut nach der Schur den Haarwurzeln das Signal zur Ruhe gibt.
Ein Beispiel aus der Fachliteratur trifft die Dackelhalter direkt: Ein Dackel wurde für eine Rückenoperation geschoren. Vier Monate später war die Fläche noch kahl, lediglich entlang der Naht wuchs Haar. Bis zum vollständigen Nachwuchs vergingen etwa zwölf Monate.
Wichtig für die Praxis: Bleibt der Nachwuchs länger als vier Monate aus, gehört ein Blick auf die Schilddrüse und die Nebennieren dazu. Eine Schilddrüsenunterfunktion und das Cushing-Syndrom zeigen sich sehr oft zuerst am Fell. Ein bereits geschädigter Bereich braucht Ruhe, wiederholtes Scheren derselben Stelle hilft dort nicht weiter.
Warum Scheren bei Trimmhunden die Struktur zerstört
Cocker Spaniel und Rauhaardackel stehen stellvertretend für alle Rassen, deren totes Deckhaar in der Haut hängen bleibt.
Ein Deckhaar dieser Rassen ist kegelförmig aufgebaut. Unten an der Wurzel ist es dünn und hell, nach oben wird es dicker, härter und trägt die Farbe. Beim Trimmen kommt das ganze Haar mitsamt der Wurzel heraus. Der Follikel ist frei, ein neues Haar mit derselben Struktur wächst nach.
Beim Scheren wird das Haar in der Mitte durchgeschnitten. Der harte, farbige, schmutz- und wasserabweisende Teil landet auf dem Boden, der weiche, farblose Teil bleibt auf dem Hund. Die tote Wurzel steckt weiterhin in der Haut und blockiert den Follikel. Das Ergebnis ist ein stumpfes, weiches, schnell wachsendes Fell in verwaschener Farbe. Der Pfeffer-Salz-Schnauzer wird silbergrau und plüschig, die roten Abzeichen der Terrier verblassen, der kernige Rauhaardackel endet als weiche Teppichrolle. Nach zwei bis drei Schuren ist die typische Struktur weg.
Zurückholen lässt sich das nur über Geduld. Das Fell wächst aus, dann wird über mehrere Sitzungen im Abstand von etwa acht Wochen konsequent getrimmt. Bei jungen Hunden gelingt das meistens, bei alten Hunden und nach vielen Schuren bleibt oft ein Rest.
Trimmen tut übrigens nicht weh, solange das Haar reif ist. Ein Hund, der beim Trimmen zuckt und sich wegdreht, sagt damit, dass entweder das Haar noch fest sitzt oder zu große Büschel auf einmal genommen werden. Kleine Büschel, Wuchsrichtung einhalten, Haut mit der freien Hand gegenhalten, Pausen einbauen.
Wann Scheren richtig ist
Damit das nicht untergeht: Es gibt Hunde, bei denen die Schermaschine genau das richtige Werkzeug ist.
Alle Rassen mit dauernd wachsendem Haar gehören dazu, also Pudel, Malteser, Bichon, Wasserhunde, Havaneser. Ebenso zählen medizinische Gründe: eine Operation, eine Hauterkrankung, die behandelt werden muss, ein Verband, ein alter oder kranker Hund, dessen Pflege sonst zur täglichen Qual wird. Und ein stark verfilzter Hund wird geschoren, weil das für ihn die schnellste Erleichterung bedeutet.
Diese Entscheidung trifft man in dieser Reihenfolge: erst der Hund, dann das Aussehen.
Fellmixe: warum Doodles ein eigenes Kapitel brauchen
Die Fellstruktur eines Hundes hängt an einer überschaubaren Zahl von Erbanlagen. Vier davon sind für Pudelmischungen entscheidend.
FGF5 bestimmt die Haarlänge. RSPO2 steuert den Bart, die Augenbrauen und den Schnauzerbesatz, im Englischen Furnishings genannt, also den typischen Teddyausdruck. KRT71 entscheidet über glatt, gewellt oder gelockt. MC5R beeinflusst, wie viel Haar der Hund abgibt.
Beim Pudel liegen diese Anlagen in einer stimmigen Kombination vor: sehr lange Wachstumsphase, feste Locke, kaum Unterwolle, kaum Haarabgabe. Das Fell wächst weiter und wird regelmäßig geschnitten, so hat die Rasse seit Jahrhunderten funktioniert.
Beim Golden Retriever liegt die andere stimmige Kombination vor: begrenzte Haarlänge, glattes bis leicht gewelltes Deckhaar, dichte Unterwolle, zweimal im Jahr ein deutlicher Fellwechsel. Auch das funktioniert, solange gebürstet wird.
Wer beide kreuzt, mischt diese Anlagen neu. Bereits in der ersten Generation fallen in einem Wurf Welpen mit deutlich unterschiedlichem Fell, und ab der zweiten Generation wird es noch bunter. Aus der Mischung entstehen unter anderem diese Ergebnisse:
Ein Hund mit langem, lockigem Haar und Bart, der praktisch nichts abgibt und dessen ausgefallene Haare vollständig im Fell bleiben. Er sieht aus wie der Traum aus der Anzeige und braucht tägliches Durchkämmen bis auf die Haut plus alle sechs bis acht Wochen einen Termin beim Hundefriseur.
Ein Hund mit langem, wachsendem Deckhaar und gleichzeitig ordentlich Unterwolle vom Retriever. Das ist die aufwendigste Kombination überhaupt. Das obere Haar wächst weiter und fällt kaum aus, die Unterwolle darunter wechselt zweimal im Jahr. Die abgestoßene Wolle findet keinen Weg nach draußen, weil das lange Haar sie festhält. Genau daraus entstehen Filzplatten, und zwar direkt an der Haut, während die Oberfläche wunderbar aussieht.
Ein Hund ohne Bart und mit glattem Fell, der haart wie ein Retriever. Diese Welpen bekommen in Anzeigen den Namen Flat Coat oder Improper Coat und landen überdurchschnittlich oft im Tierschutz, weil sie das versprochene Merkmal nicht mitbringen.
Der Hinweis auf Allergikerfreundlichkeit trägt dabei nicht. Eine Untersuchung an rund 190 Haushalten hat die Allergenmengen im Hausstaub verglichen und bei den als allergikerfreundlich vermarkteten Rassen keine niedrigeren Werte gefunden. Das Allergen sitzt in Hautschuppen, Speichel und Urin, und all das produziert auch ein Hund, dessen Haare im Fell hängen bleiben.
Zur Gesundheit gibt es inzwischen Zahlen. Das Royal Veterinary College hat 2024 die Angaben von Haltern zu 9.402 Hunden ausgewertet und Cockapoo, Labradoodle und Cavapoo mit ihren Ausgangsrassen verglichen. Bei rund 87 Prozent der untersuchten Erkrankungen unterschieden sich die Mischungen von ihren Ausgangsrassen nicht. Der erhoffte Gesundheitsvorteil durch Kreuzung zeigte sich also nicht. Auffällig war eines: Alle drei Mischungen hatten häufiger Ohrentzündungen als die jeweilige Nicht-Pudel-Ausgangsrasse, und der Cockapoo hatte zusätzlich häufiger Juckreiz. Der Zusammenhang mit dem Fell liegt nahe, denn viel Haar im Gehörgang und ein schwer belüftetes Hängeohr sind eine ungünstige Kombination.
Wer einen solchen Hund hat, macht es ihm mit diesem Vorgehen leichter: Kamm statt Bürste, an jeder Stelle bis auf die Haut, täglich an den Reibungsstellen, Ohrinnenseiten und Gehörgangsränder frei halten, feste Termine beim Hundefriseur, und den Welpen von Anfang an an Tisch, Kamm und Fön gewöhnen.
Filz und Filzplatten: was das für den Hund bedeutet
Filz entsteht, wenn ausgefallenes Haar im Fell bleibt und sich mit Bewegung, Feuchtigkeit und Reibung zu Knoten verdreht. Aus Knoten werden Platten, und aus Platten wird eine geschlossene Decke, die an der Haut klebt.
Was das für den Hund heißt, lässt sich am eigenen Kopf nachempfinden. Nimm eine Strähne Haare in die Faust und ziehe daran, dauerhaft, ohne loszulassen. Genau dieser Zug liegt bei einer Filzplatte auf der Haut, und zwar bei jedem Schritt.
Die Haut eines Hundes ist je nach Körperstelle zwischen einem halben und wenigen Millimetern dick, an vielen Stellen dünner als menschliche Haut. Unter einer Filzplatte passiert Folgendes: Der Zug verzieht die Haut und belastet die Haarwurzeln, die Durchblutung wird schlechter, Luft kommt nicht mehr an die Haut, Feuchtigkeit bleibt stehen. Darunter entstehen gerötete, nässende Stellen, Hautentzündungen und Hot Spots. Flöhe, Zecken und Milben sitzen dort geschützt und werden erst spät bemerkt. Am Hinterteil sammelt sich Kot in der Platte. Um Läufe oder Rutenspitze herum kann ein Filzring wie eine Fessel wirken und die Blutversorgung abschnüren, in schweren Fällen schneidet er in die Haut ein.
Ein durchgefilzter Hund kann außerdem seine Wärme kaum noch abgeben. Was von außen wie ein flauschiges Fell aussieht, ist eine dichte Decke ohne Luftpolster.
Für die Auflösung gilt eine klare Rangfolge. Einzelne kleine Knoten lassen sich mit den Fingern aufteilen und von außen nach innen ausparen. Große Platten werden geschoren, unter der Platte hindurch, mit ruhiger Hand und in kleinen Etappen. Stundenlanges Ausbürsten einer verfilzten Decke bedeutet für den Hund puren Schmerz, und Schmerz beim Pflegen hat Folgen, die weit über den Termin hinausreichen: Hunde lernen daran, dass Anfassen, Tisch und Kamm unangenehm sind, wehren sich beim nächsten Mal früher und lassen sich später auch beim Tierarzt schlecht untersuchen. Diese Verknüpfung wieder aufzulösen dauert Monate.
Die Schere bleibt bei Filz in der Schublade. In einer Platte zieht sich die Haut mit hoch, sie liegt oft direkt unter dem Knoten, und ein Schnitt landet dann in der Haut. Solche Wunden sehen klein aus und reichen bis in die Unterhaut.
Nach dem Abscheren einer Platte zeigt sich die Haut häufig gerötet, empfindlich, teilweise mit Blutergüssen. Der Hund leckt und kratzt in den ersten Tagen mehr als sonst. Das ist keine Folge des Scherens, sondern das, was die Platte vorher angerichtet hat.
Vorbeugen geht mit einem einfachen Ablauf: einmal in der Woche mit einem groben Metallkamm an fünf Stellen bis auf die Haut kämmen, nämlich hinter den Ohren, in den Achseln, an der Innenseite der Hinterläufe, am Halsband und an der Rutenwurzel. Kommt der Kamm dort ohne Widerstand durch, ist der Rest meist auch in Ordnung. Nach jedem Bad und nach jedem Schwimmen wird der Hund vollständig durchgekämmt, weil nasses Haar beim Trocknen zusammenzieht und über Nacht Knoten bildet.
Was die Kastration mit dem Fell macht
Der Haarwechsel läuft unter hormoneller Steuerung, und die Geschlechtshormone gehören dazu. Fallen sie weg, verschiebt sich das Verhältnis zwischen Deckhaar und Unterwolle. Der Körper bildet mehr Unterwolle, gleichzeitig verlängert sich die Ruhephase der Haare, das Deckhaar wird weniger und weicher.
Das Ergebnis heißt im Sprachgebrauch Welpenfell oder Kastratenfell. Der Hund sieht aus wie ein zu groß geratener Welpe: wollig, weich, plüschig, dabei matt statt glänzend. Der Glanz stammt vom Deckhaar, und genau das fehlt jetzt anteilig.
Besonders deutlich fällt das bei Rassen mit langem, glänzendem Deckhaar auf. Genannt werden immer wieder der Langhaardackel, der Cocker Spaniel, der Irish Setter, der Kleine Münsterländer, der Golden Retriever, der Hovawart und der Collie. Bei rot und blond gefärbten Hunden fällt es optisch am stärksten ins Auge.
Praktisch bedeutet das drei Dinge. Erstens steigt der Pflegeaufwand deutlich, weil wollige Unterwolle schneller filzt und häufiger ausgekämmt werden muss. Zweitens wird das Fell weniger wetterfest, es saugt Wasser auf und trocknet langsamer. Drittens verschiebt sich bei Trimmhunden der Rhythmus: Das Haar reift langsamer, der Abstand zwischen zwei Trimmterminen wird länger, und bei manchen Hunden lässt sich irgendwann kaum noch sauber austrimmen.
Bei nordischen und spitzartigen Rassen gibt es zusätzlich das Bild der Alopezie X, bei der der Haarwechsel großflächig stehen bleibt und der Hund symmetrisch kahl wird, während Kopf und Läufe behaart bleiben. Auch dort wird ein hormoneller Zusammenhang diskutiert.
Für die Entscheidung heißt das: Bei einer Rasse, deren Fell zum Rassebild und zur Funktion gehört, ist die Fellveränderung ein Punkt, der auf die Liste gehört, neben allen anderen. Wer wissen möchte, wie der eigene Hund reagiert, kann das mit dem Kastrationschip vorab beobachten, denn dessen Wirkung lässt nach. Diese Abwägung besprichst Du am besten mit Deiner Tierärztin, weil dabei auch der Grund für die Kastration zählt.
Das Fell als Gesundheitsanzeige
Ein Fell, das sich plötzlich verändert, meldet oft etwas über den Hund insgesamt. Auffällig sind: stumpfes, sprödes Haar, vermehrte Schuppen, symmetrischer Haarverlust an beiden Flanken, ein Fellwechsel, der nicht enden will, dünnes Haar an Rute oder Ohrrändern, dazu eine Haut, die dünn und pergamentartig wirkt.
Solche Bilder gehören abgeklärt. Häufige Ursachen sind die Schilddrüsenunterfunktion, das Cushing-Syndrom, Parasiten, allergische Hauterkrankungen und Ernährungsfehler. Haar besteht fast vollständig aus Eiweiß, und der Aufbau eines neuen Fells kostet den Körper spürbar Baustoffe. Hochwertiges Eiweiß, Zink und Omega-3-Fettsäuren sind an dieser Stelle das Gerüst.
Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit: Der jahreszeitliche Fellwechsel ist bei Hunden, die viel im Haus mit gleichbleibendem Licht und Heizungswärme leben, oft aufgeweicht. Diese Hunde haaren dann übers ganze Jahr etwas, statt zweimal deutlich. Das ist kein Krankheitszeichen, sondern die Antwort auf ein Leben mit Kunstlicht.
Werkzeuge, die zum Felltyp passen
Grober Metallkamm mit weiten und engen Zinken: das wichtigste Werkzeug überhaupt, für alle langhaarigen und lockigen Hunde. Er zeigt ehrlich an, ob das Fell wirklich frei ist, denn eine Bürste gleitet über eine Filzplatte hinweg, ein Kamm bleibt hängen.
Unterwollharke: für Stockhaar im Fellwechsel.
Zupfbürste: für Befederungen und für lockiges Fell, immer strähnenweise und mit gegengehaltener Haut.
Trimmmesser mit stumpfer Kante, Trimmstein, Fingerhut aus Gummi: für Rauhaar und Drahthaar.
Gummistriegel: für Kurzhaar.
Zu den Klingenwerkzeugen mit Zähnen, die als Entfilzungshilfe verkauft werden, ein Wort: Sie schneiden. Damit kürzen sie auch gesundes Deckhaar und wirken auf ein Trimmfell wie eine Schermaschine mit Umweg. Bei Stockhaar im vollen Fellwechsel und mit sehr sparsamer Hand lassen sie sich einsetzen, bei allen Trimmhunden bleiben sie besser draußen.
Kurz zusammengestellt
Kurzhaar: Gummistriegel, wöchentlich.
Stockhaar: Unterwolle auskämmen, im Fellwechsel täglich, ungeschoren lassen.
Langhaar mit Unterwolle: Kamm bis auf die Haut, mehrmals wöchentlich, Befederungen zuerst.
Rauhaar: trimmen alle sechs bis zwölf Wochen, Schere nur an Pfoten und Intimbereich.
Lockenhaar: täglich kämmen, alle sechs bis acht Wochen schneiden.
Pudelmischungen: wie Lockenhaar, dazu Ohren im Blick behalten.
Kastrierte Hunde mit langem Fell: mehr Zeit für die Unterwolle einplanen.
Der eine Satz, der über allem steht: Erst den Felltyp bestimmen, dann das Werkzeug wählen. Ein Fell, das jahrelang richtig gepflegt wurde, macht seine Arbeit von allein, und es kostet weniger Zeit als eines, das erst repariert werden muss.






