
Standardzucht, jagdliche Leistungszucht und spezielle jagdliche Leistungszucht: was auf der Ahnentafel deines Retrievers wirklich steht
Auf jeder Ahnentafel eines im Deutschen Retriever Club gezogenen Welpen steht ein Vermerk zur Zuchtart. Dort ist entweder „aus Standardzucht“, „aus jagdlicher Leistungszucht“ oder „aus spezieller jagdlicher Leistungszucht“ eingetragen. Beim Labrador Club Deutschland läuft die Einteilung ähnlich wie beim DRC, nur mit etwas anderen Begriffen.
Diese Vermerke werden regelmäßig missverstanden. Viele lesen sie als Aussage über die Linie, also als Etikett für Arbeitslinie oder Showlinie. Tatsächlich beschreiben sie etwas völlig anderes, nämlich abgelegte Prüfungen der Vorfahren und eigene Prüfungen. Der Vermerk ist eine Prüfungsauskunft, keine Linienauskunft.
Mein Flat „Floyd“ ( Black Amandas Punch Line) war, obwohl „Showlinie“, trotzdem „ jagdliche Leistungszucht“ obwohl bei Eltern Standardzucht waren.
Der Vermerk beschreibt Prüfungen, nicht Blutlinien
Die Zuchtart eines Wurfes ergibt sich allein daraus, welche anerkannten jagdlichen Prüfungen die Elterntiere und teils auch die Großeltern bestanden haben. Aussehen, Kopfform, Gewicht, Ausstellungserfolge und die Herkunft der Linie spielen dabei keine Rolle.
Damit ist der Vermerk objektiv nachprüfbar. Er sagt: Dieser Vorfahre ist an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Prüfung angetreten und hat sie bestanden. Mehr behauptet er nicht, und genau darin liegt sein Wert.
Standardzucht: die Ausgangsstufe
Ein Wurf gilt als Standardzucht, wenn beide Elterntiere keine der anerkannten jagdlichen Prüfungen bestanden haben oder wenn nur ein Elternteil einen solchen Nachweis mitbringt. Ein einzelner geprüfter Elternteil hebt den Wurf also noch nicht auf die nächste Stufe.
Wichtig für das Verständnis: Standardzucht bedeutet vollwertige Rassehundezucht mit allen Auflagen. Für die Zuchtzulassung müssen auch diese Hunde die Gesundheitsuntersuchungen für Hüfte, Ellbogen und Augen vorlegen, ein DNA-Profil erstellen lassen, die vorgeschriebenen Gentests nachweisen, im Formwert beurteilt werden und ihre Schussfestigkeit belegen. Das Zuchtziel der Standardzucht ist der wesensfeste, gesunde Hund, der dem Rassestandard entspricht.
Jagdliche Leistungszucht: Dein Hund macht eine höherwertige Prüfung
Wenn Dein Retriever eine höhere jagdliche Prüfung hat, wie zum Beispiel eine BLP ( Bringleistungsprüfung) erhält er die Zuchtzulassung für die jagdliche Leistungszucht
Spezielle jagdliche Leistungszucht: zwei komplette Generationen
Für den Vermerk „aus spezieller jagdlicher Leistungszucht“ reichen eigene Prüfungen nicht aus, hier müssen auch die Eltern eine BLP oder Ähnliches gemacht haben
Welche Prüfungen anerkannt sind
Der DRC führt dafür eine eigene Liste, die auch ausländische Prüfungen abdeckt. Aus Deutschland zählen dazu die Bringleistungsprüfung, die Retrievergebrauchsprüfung, die Vereinsprüfung nach dem Schuss, die St. John’s Prüfung und die Dr. Heraeus-Gedächtnisprüfung des DRC, dazu die Verbandsprüfung nach dem Schuss, die Verbandsgebrauchsprüfung und die Herbstzuchtprüfung des Jagdgebrauchshundverbandes. Anerkannt sind außerdem Field Trials mit Mindestbewertung und Field Trials der Novice-Klasse mit höherer Mindestbewertung.
Aus dem Ausland zählen unter anderem die dänischen Markprüfungen A und B ab dritter Prämie, britische und irische Auszeichnungen aus Open-, All-Aged- und Novice-Stakes, die norwegischen und schwedischen A- und B-Prüfungen, niederländische, französische, italienische, österreichische und schweizerische Prüfungen sowie amerikanische und kanadische Titel wie Senior Hunter und Master Hunter. Hunde mit einem nationalen Jagdarbeitschampiontitel werden ebenfalls anerkannt.
Für alle Prüfungen müssen die Nachweise über vergebene Preise, Prädikate und Prämien vorgelegt werden.
Welche Leistungen dabei außen vor bleiben
Hier liegt der Punkt, an dem sich viele täuschen. Die anerkannte Liste umfasst jagdliche Prüfungen an Wild. Dummyprüfungen und Working Tests des DRC stehen dort nicht drauf, ebenso wenig der Wesenstest, die Begleithundeprüfung oder die jagdliche Anlagensichtung.
Ein Hund kann also im Dummysport auf hohem Niveau laufen, Fortgeschrittenen- und Offene Klasse gewinnen und trotzdem für die Zuchtart keinen Beitrag liefern. Ein Hund, der einmal eine Bringleistungsprüfung besteht, liefert ihn dagegen sofort.
Daraus ergibt sich für den DRC Retriever eine sehr aufschlussreiche Weiche. Für die Zuchtzulassung verlangt die Zuchtordnung entweder eine bestandene Bringleistungsprüfung oder eine abgelegte jagdliche Anlagensichtung mit festgelegten Mindestvorgaben. Die Bringleistungsprüfung befähigt zur Leistungszucht, die Anlagensichtung steht auf der Liste nicht. Damit entscheidet die Wahl zwischen diesen beiden Wegen darüber, welcher Vermerk später auf den Ahnentafeln der Welpen steht.
Auch ein Hund aus der Showlinie kann aus jagdlicher Leistungszucht stammen
Genau hier liegt der Kern für alle, die den Vermerk als Linienetikett lesen.
Nimm ein Zuchtpaar mit reinem Ausstellungshintergrund, kräftig gebaut, mehrfach im Ring erfolgreich, beide aus Zuchten, die seit Generationen auf Schauen ausgewählt wurden. Beide Hunde legen eine Bringleistungsprüfung ab und bestehen. Von diesem Moment an sind beide für die jagdliche Leistungszucht tauglich. Werden sie miteinander verpaart, tragen die Ahnentafeln der Welpen den Vermerk „aus jagdlicher Leistungszucht“.
Umgekehrt gilt dasselbe. Zwei Hunde aus reinen Field-Trial-Linien, in Dummyprüfungen erfolgreich, bei denen jedoch keiner der beiden eine anerkannte jagdliche Prüfung abgelegt hat, bringen einen Wurf aus Standardzucht hervor. Die Papiere sagen dann Standardzucht, obwohl in der Abstammung ausschließlich Arbeitshunde stehen.
Der Vermerk beschreibt die Prüfungsbiografie, das Erscheinungsbild und die Zuchtrichtung bleiben davon unberührt. Für die Stufe „spezielle jagdliche Leistungszucht“ wird es für eine Showlinienzucht allerdings schwierig, weil dafür zusätzlich alle vier Großeltern geprüft sein müssen. Diesen Nachweis erreicht eine Zucht nur, wenn sie über mehrere Generationen hinweg an Wild führt.
Der LCD zählt mit eigenen Begriffen
Der Labrador Club Deutschland führt in seiner Zuchtordnung drei Zuchtarten, mit einer anderen Aufteilung als der DRC.
Die Standardzucht, dort auch S-Zucht genannt, hat als Zuchtziel den wesensfesten, gesunden und schönen Hund, der dem Ideal des FCI-Standards entspricht.
Die jagdliche Zucht, kurz J-Zucht, verlangt von beiden Elterntieren jeweils den Nachweis einer jagdlichen Prüfung, etwa der Brauchbarkeitsprüfung, der Bringleistungsprüfung, der Jagdgebrauchsprüfung für Retriever, der Labrador-Spezialprüfung oder einer Schweißprüfung. Ausländische Prüfungen zählen, wenn sie zum Start in der Gebrauchshundeklasse berechtigen.
Die Leistungszucht meint eine Zucht mit Hunden, die eine vom LCD anerkannte Leistungsprüfung in Aufgabenbereichen abgelegt haben, die dem Wesen des Retrievers entsprechen. Anerkannt ist dabei die Zucht mit Jagdgebrauchshunden, wobei beide Elterntiere mindestens eine Leistungsprüfung nachweisen.
Auch beim LCD hängt der Eintrag also allein an bestandenen Prüfungen. Ein Unterschied zum DRC lohnt die Erwähnung: Für die Zuchtzulassung selbst verlangt der LCD einen bestandenen Wesenstest und eine Formwertnote von mindestens „sehr gut“, dazu die Gesundheitsnachweise. Eine jagdliche Prüfung gehört dort zu den Voraussetzungen der Zuchtzulassung nicht dazu, sondern entscheidet erst über die Zuchtart.
Was der Vermerk offenlässt
Bei aller Nützlichkeit lohnt der klare Blick darauf, was in dem Eintrag steckt und was er offenlässt.
Er sagt nichts über die Qualität der gezeigten Arbeit. Eine knapp bestandene Prüfung und eine Prüfung mit Spitzenbewertung führen zum selben Vermerk. Die Einzelheiten stehen in den Prüfungszeugnissen und in den Leistungszeichen auf der Ahnentafel, also im Detail und im Kleingedruckten.
Er sagt nichts über den praktischen Jagdeinsatz. Ein Hund kann eine Prüfung bestehen und danach nie wieder auf einer Jagd arbeiten. Ein anderer arbeitet jede Saison an vielen Jagdtagen. Beide erzeugen denselben Vermerk.
Er sagt nichts über Gesundheit und Wesen. Dafür stehen die HD- und ED-Befunde, die Augenuntersuchung, die Gentests und der Wesenstest auf der Ahnentafel.
Und er ist eine Momentaufnahme. Titel und Leistungszeichen der Vorfahren werden nur bis zur Eintragung des Wurfes in das Zuchtbuch übernommen. Erwirbt ein Elterntier später weitere Titel, werden diese auf den bereits ausgestellten Ahnentafeln der Welpen nachträglich nicht ergänzt.
Warum es diese Einteilung überhaupt gibt
Der Retriever ist eine Rasse mit Arbeitsprüfung, das steht so im FCI-Standard. Sein Zuchtzweck ist die Arbeit nach dem Schuss. Zugleich lebt die überwiegende Mehrheit der Retriever heute als Familienhund, und ihre Züchter wählen nach Gesundheit, Wesen und Erscheinungsbild aus.
Die Einteilung in Standardzucht und Leistungszucht hält beides sichtbar nebeneinander. Sie schreibt niemandem vor, jagdlich zu führen, und sie macht zugleich für jeden Welpenkäufer auf einen Blick nachvollziehbar, in welchem Umfang eine Zucht ihre Hunde an Wild geprüft hat. Für die Rasse selbst ist das ein Werkzeug der Zuchtlenkung, weil die Arbeitsanlagen dadurch dokumentiert bleiben und über Generationen verfolgbar sind.
Was du als Welpenkäufer daraus machst
Lies den Vermerk als das, was er ist: eine geprüfte Angabe über die Prüfungsbiografie der Vorfahren.
Wenn du einen Familienhund suchst, hat ein Wurf aus Standardzucht dieselbe gesundheitliche und formale Absicherung wie jeder andere Wurf im Verein. Achte dort auf die Befunde, das Wesen der Elterntiere und die Aufzucht.
Wenn du mit deinem Hund jagen möchtest, schau auf den Leistungszuchtvermerk und lies zusätzlich die konkreten Prüfungen und Bewertungen der Elterntiere. Frag den Züchter, an welchen Jagdtagen seine Hunde arbeiten und in welchen Aufgaben sie sich bewähren.
Wenn du sportlich mit Dummys arbeiten möchtest, findest du geeignete Hunde in beiden Zuchtarten. Hier zählen die Ergebnisse der Elterntiere in den Arbeitsprüfungen mit Dummys und in den Working Tests, die für den Zuchtartvermerk selbst ohne Bedeutung bleiben.
Und wenn dir jemand einen Welpen als „aus Arbeitslinie“ anbietet: Der Zuchtartvermerk auf der Ahnentafel und die eingetragenen Prüfungen der Vorfahren geben dir darüber die belastbare Auskunft.
Quellen
Deutscher Retriever Club e.V., Voraussetzungen für den Zuchthund, Abschnitt Standardzucht und (spezielle) jagdliche Leistungszucht
Deutscher Retriever Club e.V., Liste anerkannter jagdlicher Prüfungen zur Anerkennung der Tauglichkeit für jagdliche und spezielle jagdliche Leistungszucht, Stand 01.05.2022
Deutscher Retriever Club e.V., Zuchtordnung für Labrador-Retriever und Zwingerordnung
Deutscher Retriever Club e.V., Ordnung für die Bringleistungsprüfung für Retriever und Ordnung für Arbeitsprüfungen mit Dummies für Retriever
Labrador Club Deutschland e.V., Zuchtordnung, Stand 01.09.2025, Abschnitt 9, Zuchtarten
FCI-Rassestandard Nummer 122, Labrador Retriever, Klassifikation mit Arbeitsprüfung






