
Teacup Hunde: Der hohe Preis für einen winzigen Hund
Zehn Tage nach dem Einzug ihres Welpen hat sich das Leben seiner Besitzerin komplett verändert. Statt nach einem passenden Geschirr für den ersten Urlaub zu suchen oder sich darüber Gedanken zu machen, wohin die erste gemeinsame Reise gehen könnte, kennt sie inzwischen die Telefonnummer des tierärztlichen Notdienstes auswendig. Mehr als 2.500 Euro Tierarztkosten sind bereits zusammengekommen, mehrere Nächte hat sie kaum geschlafen und noch immer kann ihr niemand mit Sicherheit sagen, ob ihr winziger Hund wirklich über den Berg ist.
Sie hatte eigentlich erwartet, dass ein Hund für einen Kaufpreis von 3500€ total gesund wäre.
Dabei wollte sie eigentlich nur einen kleinen Hund, den sie problemlos auf Reisen mitnehmen kann, der im Auto wenig Platz benötigt und den sie bei Bedarf auch einmal tragen kann. Im Internet stieß sie auf besonders kleine Hunde, die unter Bezeichnungen wie Teacup Hund, Teacup Pudel oder Micro Dog angeboten werden. Auf den Fotos sahen sie natürlich entzückend aus: winzige Hunde mit großen Augen, kleinen Pfoten und einem Körpergewicht, bei dem man beinahe glaubt, eine Küchenwaage würde zur regelmäßigen Gewichtskontrolle vollkommen ausreichen.
Irgendwann entdeckte sie einen Welpen, der ihr besonders gefiel. Es handelte sich um eine Mischung aus einem sehr kleinen Pudel und einem Chihuahua. Der Verkäufer bezeichnete ihn als Teacup Hund und erklärte, der Kleine werde voraussichtlich auch ausgewachsen ausgesprochen winzig bleiben. Genau das erschien ihr zunächst als Vorteil, denn schließlich suchte sie einen unkomplizierten Begleiter für Reisen und Unternehmungen.
Heute wäre ihr vollkommen egal, ob dieser Hund später zwei, drei oder fünf Kilogramm wiegt. Sie möchte nur noch, dass er gesund wird.
Diese Geschichte steht beispielhaft für ein Problem, das hinter den niedlichen Bildern extrem kleiner Hunde leicht verschwindet. Nicht jeder sehr kleine Hund ist krank und selbstverständlich kann auch ein winziger Chihuahua oder Toypudel ein langes und gesundes Leben führen. Problematisch wird es dort, wo die extreme Kleinheit selbst zum Zucht- und Verkaufsargument wird und Hunde möglichst winzig werden sollen, weil sich Begriffe wie „Micro“, „Mini“ und „Teacup“ hervorragend vermarkten lassen.
Ein Teacup Welpe zieht ein und zunächst scheint alles perfekt
Der kleine Welpe ist acht Wochen alt, als er in seinem neuen Zuhause ankommt. Er wiegt kaum mehr als ein Kilogramm und wirkt neben einem normal großen Hund beinahe unwirklich klein. Natürlich fragt seine zukünftige Besitzerin beim Kauf, ob er gesund ist, und bekommt die beruhigende Antwort, dass er tierärztlich untersucht, entwurmt und altersgerecht versorgt worden sei.
Nach Gesundheitsuntersuchungen der Elterntiere fragt sie dagegen nicht. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, welche Untersuchungen bei einem Pudel oder Chihuahua vor einer geplanten Verpaarung sinnvoll wären. Ebenso wenig hat sie sich damit beschäftigt, ob „Teacup“ tatsächlich eine anerkannte Größenvariante ist oder lediglich eine Verkaufsbezeichnung für außergewöhnlich kleine Hunde. Das ist aus Sicht eines normalen Welpenkäufers zunächst sogar nachvollziehbar, denn schließlich möchte sie einen Familienhund kaufen und keine Ausbildung in Hundegenetik absolvieren.
Am ersten Tag wirkt der Welpe weitgehend unauffällig. Er erkundet ein wenig seine neue Umgebung, schläft viel und frisst kleine Portionen. Dass er nach der Autofahrt, der Trennung von seiner bisherigen Umgebung und all den neuen Eindrücken müde ist, überrascht niemanden. Am nächsten Tag verändert sich sein Verhalten jedoch. Er möchte kaum noch fressen, schläft ungewöhnlich viel und steht schließlich unsicher auf seinen winzigen Beinen. Jetzt sieht er nicht mehr wie ein müder Welpe aus, sondern wie ein Hund, mit dem etwas nicht stimmt.
Wenig später sitzt seine Besitzerin beim Tierarzt und erfährt, dass sein Blutzucker viel zu niedrig ist. Aus dem ersten gemütlichen Wochenende mit dem neuen Welpen ist innerhalb weniger Stunden ein medizinischer Notfall geworden.
Hypoglykämie bei winzigen Welpen ist keine Kleinigkeit
Gerade bei sehr kleinen Welpen ist eine Hypoglykämie, also eine Unterzuckerung, ein bekanntes Problem. Das Merck Veterinary Manual beschreibt eine Welpen-Hypoglykämie unter anderem bei Toy-Rassen während der ersten Lebensmonate. Bei sehr kleinen Welpen können die begrenzten Energiereserven dazu beitragen, dass ein Energiemangel schneller gefährlich wird.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder Teacup Hund zwangsläufig unterzuckert oder dass man jede Schwäche eines kleinen Hundes kurzerhand mit etwas Zucker behandeln sollte. Eine Hypoglykämie kann verschiedene Ursachen haben und gehört insbesondere bei einem Welpen tierärztlich abgeklärt. Bei einem winzigen Organismus können Situationen, die ein kräftigerer Hund möglicherweise besser kompensiert, allerdings schneller kritisch werden. Frisst ein sehr kleiner Welpe aufgrund von Stress schlecht, bekommt Durchfall, erbricht oder nimmt aus anderen Gründen längere Zeit kaum Nahrung auf, besitzt er schlicht weniger Reserven.
Eine schwere Unterzuckerung kann nicht nur Müdigkeit, Schwäche und Zittern verursachen, sondern auch neurologische Symptome bis hin zu Krampfanfällen. Schon an diesem Beispiel wird deutlich, warum die Gleichung „besonders klein = besonders unkompliziert“ nicht aufgeht.
Wenige Tage später beginnt alles von vorne
Nach der ersten Behandlung darf der Welpe wieder nach Hause und seine Besitzerin glaubt zunächst, das Schlimmste sei überstanden. Doch wenige Tage später frisst er erneut schlecht und bekommt zusätzlich Durchfall. Es folgen weitere Tierarztbesuche, Blutuntersuchungen, Infusionen, Medikamente und zusätzliche Diagnostik, denn inzwischen stellt sich eine viel grundsätzlichere Frage: Ist dieser Welpe lediglich außergewöhnlich klein und empfindlich oder steckt hinter seinen Problemen eine angeborene beziehungsweise organische Erkrankung?
Plötzlich fallen Begriffe, mit denen sich seine Besitzerin zehn Tage zuvor noch nie beschäftigt hatte. Ein portosystemischer Shunt, neurologische Erkrankungen, angeborene Fehlbildungen und Stoffwechselprobleme gehören nun zu den möglichen Ursachen, die gegebenenfalls ausgeschlossen werden müssen.
Spätestens jetzt zeigt sich auch, wie wenig die häufig verwendete Aussage „tierärztlich untersucht“ tatsächlich über die gesundheitliche Qualität einer Zucht aussagt. Ein Tierarzt kann einen Welpen untersuchen und seinen aktuellen Gesundheitszustand beurteilen. Daraus folgt aber weder, dass sämtliche angeborenen Erkrankungen ausgeschlossen wurden, noch sagt es etwas darüber aus, welche Gesundheitsuntersuchungen bei den Elterntieren vor der Verpaarung durchgeführt wurden.
Nach gerade einmal zehn Tagen sind durch Notdienst, Labor, Medikamente, Infusionen, Kontrolluntersuchungen und weitere Diagnostik mehr als 2.500 Euro zusammengekommen. Besonders bitter ist, dass die Besitzerin noch nicht einmal dazu gekommen war, eine Hundekrankenversicherung abzuschließen. Sie wollte den Welpen erst ankommen lassen, verschiedene Tarife vergleichen und sich anschließend entscheiden. Innerhalb weniger Tage existiert nun bereits eine umfangreiche Krankenakte.
Natürlich könnte man ihr vorwerfen, dass sie sich vor dem Kauf besser hätte informieren müssen. Das ist schnell gesagt, hilft aber weder diesem Hund noch zukünftigen Welpenkäufern. Viel interessanter ist die Frage, warum extreme Kleinheit überhaupt als besondere Qualität eines Hundes vermarktet wird.
Was sind Teacup Hunde eigentlich?
Ein Teacup Hund ist keine eigenständige Hunderasse. Begriffe wie Teacup, Micro, Mini oder XXS werden verwendet, um außergewöhnlich kleine Hunde zu beschreiben beziehungsweise zu vermarkten. Das Wort „Teacup“ erzeugt dabei genau das gewünschte Bild eines Hundes, der so winzig ist, dass er beinahe in eine Teetasse passt.
Gerade beim Pudel lohnt sich eine klare Unterscheidung, denn den Toypudel gibt es tatsächlich. Er ist eine von der FCI anerkannte Größenvariante des Pudels. Der aktuelle FCI-Standard unterscheidet Großpudel, Kleinpudel, Zwergpudel und Toypudel. Für den Toypudel wird eine Größe von über 24 bis 28 Zentimetern angegeben, mit einer Toleranz von einem Zentimeter nach unten. Besonders interessant ist, dass der Standard ausdrücklich verlangt, dass der Toypudel die Proportionen des Zwergpudels bewahrt und keine Anzeichen von Zwergwuchs zeigt.
Einen darunter angesiedelten „Teacup Pudel“ kennt der FCI-Standard dagegen nicht. Wer einen solchen Hund kauft, entscheidet sich also nicht für eine weitere offiziell definierte Pudelgröße, sondern für einen Hund, dessen außergewöhnliche Kleinheit zum Verkaufsargument gemacht wird.
Genau an diesem Punkt sollte man anfangen, genauer hinzusehen.
Je kleiner, desto besser? Genau darin liegt das Problem
Menschen haben Hunde über Jahrhunderte auf sehr unterschiedliche Körpergrößen selektiert. Ein Chihuahua ist klein, eine Deutsche Dogge groß, und daraus lässt sich selbstverständlich nicht ableiten, dass kleine Hunde grundsätzlich krank und große Hunde automatisch gesund wären.
Beim Teacup-Trend geht es jedoch um etwas anderes. Hier wird häufig nicht einfach ein kleiner Hund gewünscht, sondern ein möglichst extremes Exemplar. Ein Gewicht von 2,5 Kilogramm gilt als klein, zwei Kilogramm erscheinen noch attraktiver und ein Hund mit 1,5 Kilogramm wird plötzlich als besonders exklusiv angeboten. Begriffe wie „Micro“, „Extra Mini“ oder „XXS“ verwandeln ein körperliches Extrem in ein Qualitätsmerkmal.
Biologisch ist diese Denkweise ausgesprochen fragwürdig, denn Herz, Leber, Gehirn, Zähne, Knochen und Gelenke müssen weiterhin in diesem immer kleiner werdenden Körper untergebracht werden. Nicht jede anatomische Struktur lässt sich beliebig verkleinern, ohne dass dadurch neue Probleme entstehen können.
Besonders deutlich wird das ausgerechnet an einer Stelle, über die beim Teacup Hund erstaunlich wenig gesprochen wird: im Maul.
Die Zähne können bei extrem kleinen Hunden zum Dauerproblem werden
Bei kleinen Hunden treffen vergleichsweise große Zähne auf einen sehr kleinen Kiefer. Die Verkleinerung des Schädels führt nicht automatisch dazu, dass sämtliche Zahnverhältnisse perfekt proportional mitschrumpfen. Dadurch können Zahnengstände und Fehlstellungen entstehen, während gleichzeitig persistierende Milchzähne bei kleinen Hunden besonders häufig vorkommen.
Persistierende Milchzähne sind Zähne, die nicht wie vorgesehen ausfallen, obwohl der entsprechende bleibende Zahn bereits durchbricht. Dann stehen plötzlich Milchzahn und bleibender Zahn nebeneinander in einem Kiefer, in dem ohnehin wenig Platz vorhanden ist.
Dass dies bei sehr kleinen Hunden keine seltene Kuriosität ist, zeigt eine große Untersuchung mit Daten von fast drei Millionen Hunden. Insgesamt wurden persistierende Milchzähne bei ungefähr sieben Prozent der untersuchten Hunde festgestellt. Bei Hunden unter 6,5 Kilogramm Körpergewicht lag die Prävalenz dagegen bei etwa 15 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch. Persistierende Milchzähne können Fehlstellungen begünstigen, Weichteile im Maul verletzen und das Risiko für weitere Zahnerkrankungen erhöhen.
Hinzu kommt die Parodontitis. Auch hier zeigen große Untersuchungen einen deutlichen Zusammenhang mit der Körpergröße. Besonders kleine Hunde haben ein erheblich höheres Risiko für diagnostizierte Parodontalerkrankungen als sehr große Hunde.
Das ist nicht einfach ein kosmetisches Problem und auch nicht nur eine Frage schlechten Atems. Bei einer fortschreitenden Parodontitis werden die Strukturen geschädigt, die den Zahn im Kiefer halten. Es kann zum Verlust von Zähnen und Knochen kommen, und bei sehr kleinen Hunden mit entsprechend zierlichem Unterkiefer können fortgeschrittene Veränderungen besonders problematisch werden.
Wer einen extrem kleinen Hund hält, sollte deshalb nicht davon ausgehen, dass dessen Pflegeaufwand entsprechend seiner Körpergröße ebenfalls winzig ist. Gerade die Zahngesundheit verdient bei diesen Hunden von Anfang an besondere Aufmerksamkeit. Regelmäßige Kontrollen und konsequente Zahnpflege sind erheblich sinnvoller, als erst zu reagieren, wenn der erwachsene Hund massive Zahnprobleme entwickelt hat.
Wenn der Schädel sehr klein ist: Hydrocephalus und neurologische Probleme
Noch ernster wird das Thema, wenn Gehirn und Schädel betroffen sind. Dabei sollte man allerdings auf eine häufig verwendete Erklärung verzichten: Das Gehirn eines solchen Hundes ist nicht einfach „zu groß und passt nicht in den Kopf“. Medizinisch ist das wesentlich komplizierter.
Eine Erkrankung, die insbesondere bei kleinen Toy- und bestimmten kurzköpfigen Rassen auftreten kann, ist der angeborene Hydrocephalus. Dabei kommt es zu einer übermäßigen Ansammlung von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor, im Bereich der Hirnkammern. Diese können sich erweitern, wodurch Hirngewebe beeinträchtigt beziehungsweise geschädigt werden kann.
Betroffene Welpen können einen auffällig kuppelförmigen Schädel besitzen, und teilweise besteht gleichzeitig eine offene Fontanelle. Gerade beim Chihuahua muss dabei allerdings sauber unterschieden werden: Eine offene Fontanelle allein bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund an Hydrocephalus leidet.
Liegt tatsächlich ein Hydrocephalus vor, können die Folgen erheblich sein. Je nach Ausprägung sind Entwicklungs- und Lernprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, Orientierungsschwierigkeiten, Sehstörungen, ungewöhnliche Bewegungsmuster und weitere neurologische Ausfälle möglich. Manche betroffenen Hunde lernen beispielsweise langsamer oder zeigen Schwierigkeiten bei Dingen, die andere Welpen relativ problemlos erlernen.
Umgangssprachlich wird bei solchen Hunden gelegentlich von einer „geistigen Behinderung“ gesprochen. Fachlich beschreibt das die Situation allerdings nur unzureichend, denn wir reden nicht über einen Hund, der einfach weniger intelligent ist. Bei einem Hydrocephalus können organische Veränderungen beziehungsweise Schädigungen des Gehirns vorliegen, die Wahrnehmung, Entwicklung, Lernfähigkeit und Motorik beeinträchtigen.
Bei schweren Verläufen können zusätzlich Krampfanfälle auftreten.
Krampfanfälle bedeuten nicht automatisch Epilepsie
Gerade bei einem extrem kleinen Welpen wird nach einem Krampfanfall schnell von Epilepsie gesprochen. Dabei ist ein Krampfanfall zunächst lediglich ein Symptom, für das es unterschiedliche Ursachen geben kann.
Eine schwere Hypoglykämie kann ebenso Krampfanfälle auslösen wie strukturelle Erkrankungen des Gehirns. Auch ein Hydrocephalus kommt als Ursache infrage. Stoffwechselerkrankungen und bestimmte Lebererkrankungen können ebenfalls neurologische Symptome verursachen.
Eine idiopathische Epilepsie ist deshalb eine Diagnose, bei der andere mögliche Ursachen entsprechend berücksichtigt beziehungsweise ausgeschlossen werden müssen. Für den Halter eines winzigen Welpen bedeutet das: Ein Krampfanfall sollte nicht mit der vorschnellen Erklärung „Das ist eben Epilepsie“ abgehakt werden. Gerade bei einem sehr jungen und extrem kleinen Hund muss nach der Ursache gesucht werden.
Auch ein Leber-Shunt kann hinter auffälligem Verhalten stecken
Zu den Erkrankungen, über die Käufer kleiner Hunde zumindest einmal etwas gehört haben sollten, gehört der angeborene portosystemische Shunt. Dabei fließt ein Teil des Blutes an der Leber vorbei, anstatt dort entsprechend verarbeitet zu werden. Stoffwechselprodukte, die normalerweise von der Leber entfernt oder umgewandelt würden, können dadurch im Blut verbleiben und unter anderem das Nervensystem beeinträchtigen.
Die Symptome können ausgesprochen unterschiedlich sein. Manche betroffenen Hunde wachsen schlecht oder bleiben ungewöhnlich klein, andere wirken phasenweise apathisch, zeigen Verhaltensveränderungen oder neurologische Auffälligkeiten. Im Zusammenhang mit einer hepatischen Enzephalopathie können unter anderem Koordinationsstörungen, Benommenheit, Sehstörungen und Krampfanfälle auftreten.
Gerade deshalb sollte ein winziger Welpe, der schlecht zunimmt, wiederholt schlecht frisst oder neurologisch auffällig erscheint, nicht einfach als besonders zartes Exemplar seiner Rasse abgetan werden. Kleinheit kann eine Eigenschaft sein. Sie darf aber nicht zur Erklärung für jedes gesundheitliche Problem werden.
Brechen sich Teacup Hunde leichter die Beine?
Auch bei diesem Thema lohnt sich eine saubere Unterscheidung. Ein Teacup Hund leidet nicht automatisch an einer sogenannten Glasknochenkrankheit. Die Osteogenesis imperfecta ist eine eigenständige und seltene Erkrankung, die nicht mit der allgemeinen Verletzungsanfälligkeit sehr kleiner Hunde gleichgesetzt werden darf.
Trotzdem liegt es auf der Hand, dass ein Hund mit extrem feinen Gliedmaßen im Alltag anderen mechanischen Belastungen ausgesetzt ist als ein wesentlich größerer und kräftigerer Hund. Besonders Unterarmfrakturen von Radius und Ulna sind bei kleinen Hunden ein bekanntes orthopädisches Problem. Ein Sprung aus größerer Höhe, ein Sturz vom Arm, eine unglückliche Landung oder der Zusammenstoß mit einem wesentlich schwereren Hund können für einen winzigen Vierbeiner erhebliche Folgen haben.
Das Tückische daran ist, dass der Hund selbst seine geringe Körpergröße nicht als medizinische Besonderheit betrachtet. Er möchte laufen, springen, spielen und mit anderen Hunden interagieren. Ein Chihuahua mit anderthalb Kilogramm Körpergewicht besitzt schließlich nicht automatisch anderthalb Kilogramm Selbstbewusstsein. Gerade im Alltag muss der Mensch deshalb verhindern, dass die extreme körperliche Zierlichkeit zum permanenten Verletzungsrisiko wird.
Patellaluxation gehört bei kleinen Hunden ebenfalls auf die Liste
Ein weiteres wichtiges orthopädisches Thema ist die Patellaluxation. Dabei gleitet die Kniescheibe aus ihrer vorgesehenen Position. Je nach Schweregrad kann ein Hund nur gelegentlich für einige Schritte ein Hinterbein hochziehen oder erhebliche und dauerhafte Beschwerden entwickeln.
Gerade deshalb reicht es beim Kauf eines gezielt gezüchteten sehr kleinen Hundes nicht aus, sich den Welpen anzusehen und festzustellen, dass er munter durch das Wohnzimmer läuft. Entscheidend ist auch, welche gesundheitlichen Untersuchungen bei seinen Eltern durchgeführt wurden.
Das gilt umso mehr für geplante Kreuzungen. Wenn ein Chihuahua mit einem kleinen Pudel verpaart wird, verschwinden die gesundheitlichen Risiken der beiden Ausgangsrassen nicht einfach dadurch, dass die Welpen Mischlinge sind.
Sind Mischlinge nicht grundsätzlich gesünder?
Die Behauptung, Mischlinge seien automatisch gesünder als Rassehunde, hält sich erstaunlich hartnäckig. Tatsächlich kann eine größere genetische Vielfalt Vorteile haben. Daraus folgt aber keineswegs, dass jede beliebige Kreuzung zweier Rassen automatisch gesunde Nachkommen hervorbringt.
Wer beispielsweise Chihuahua und Pudel gezielt miteinander verpaaren möchte, müsste sich mit den gesundheitlichen Problemen beider Ausgangsrassen beschäftigen und die Elterntiere entsprechend untersuchen lassen. Dazu gehört die Frage nach orthopädischen Erkrankungen ebenso wie nach Augenkrankheiten, genetisch nachweisbaren Erkrankungen und weiteren gesundheitlichen Problemen, die in den jeweiligen Linien auftreten können.
Auch die Verwandtschaft der Elterntiere ist interessant. Wie alt wurden Eltern und Großeltern? Welche Erkrankungen sind in der Familie bekannt? Gibt es wiederkehrende gesundheitliche Auffälligkeiten? Und warum wurden ausgerechnet diese beiden Hunde miteinander verpaart?
Eine gezielte Kreuzung zweier Rassen kann durchaus verantwortungsvoll geplant werden. Wenn das wichtigste Zuchtziel jedoch darin besteht, möglichst winzige Welpen hervorzubringen, die anschließend unter einem attraktiven Namen für hohe Preise verkauft werden können, ist das etwas völlig anderes.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht die Frage, ob ein Hund reinrassig oder ein Mischling ist. Entscheidend ist, ob Gesundheit, Wesen und körperliche Eignung der Elterntiere bei der Zuchtplanung tatsächlich im Mittelpunkt standen.
„Tierärztlich untersucht“ ist kein Qualitätsnachweis für die Zucht
Die Formulierung „tierärztlich untersucht“ findet sich in unzähligen Welpenanzeigen und vermittelt Käufern ein Gefühl von Sicherheit. Natürlich sollte jeder Welpe vor seiner Abgabe untersucht werden. Ein allgemeiner Gesundheitscheck des Welpen kann aber niemals die notwendigen Untersuchungen der Elterntiere ersetzen.
Ein Tierarzt kann beurteilen, wie der Welpe zum Zeitpunkt der Untersuchung klinisch wirkt und ob erkennbare Auffälligkeiten bestehen. Ein acht Wochen alter Hund kann vollkommen munter erscheinen und trotzdem genetische Anlagen tragen oder Erkrankungen entwickeln, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sichtbar sind.
Verantwortungsvolle Zucht beginnt deshalb lange vor der Geburt eines Welpen. Sie beginnt bei der Auswahl der Elterntiere, deren gesundheitlicher Untersuchung, der Beschäftigung mit Abstammung und Verwandtschaft sowie der Frage, ob diese Verpaarung überhaupt sinnvoll ist.
Ein hoher Kaufpreis macht aus Vermehrung keine gute Zucht
Gerade Teacup Hunde werden teilweise für erstaunlich hohe Summen angeboten. Das ist psychologisch geschickt, denn ein hoher Preis vermittelt Exklusivität und Exklusivität wird schnell mit Qualität verwechselt.
Dabei sagt der Kaufpreis zunächst lediglich aus, welchen Betrag ein Verkäufer für seinen Hund verlangt. Ein Welpe für mehrere Tausend Euro kann aus sorgfältig untersuchten Elterntieren und einer durchdachten Zucht stammen, er kann aber genauso gut das Ergebnis einer Verpaarung sein, bei der die Vermarktung außergewöhnlich kleiner Welpen wichtiger war als deren gesundheitliche Zukunft.
Die Höhe des Kaufpreises sagt weder etwas darüber aus, ob die Kniescheiben der Eltern untersucht wurden, noch ob Augenuntersuchungen, DNA-Tests oder andere für die jeweiligen Ausgangsrassen sinnvolle Gesundheitskontrollen stattgefunden haben. Genau diese Nachweise sollte sich ein Käufer deshalb zeigen lassen, anstatt aus einem hohen Preis automatisch auf eine hochwertige Zucht zu schließen.
Der vermeintlich perfekte Reisehund kann zum schwierigen Reisebegleiter werden
Ausgerechnet Menschen, die viel unterwegs sind, finden extrem kleine Hunde verständlicherweise attraktiv. Ein winziger Hund lässt sich leicht transportieren, benötigt wenig Platz im Auto und kann bei Bedarf getragen werden. Auch in Ferienwohnungen oder Hotels erscheint ein Zwei-Kilo-Hund zunächst unkomplizierter als ein großer Vierbeiner.
Diese Rechnung berücksichtigt allerdings nur die Körpergröße und nicht die gesundheitliche Robustheit.
Wenn ein Welpe besonders aufmerksam gefüttert werden muss, wiederholt unter Verdauungsproblemen leidet oder aufgrund seiner körperlichen Zierlichkeit besonders vor Stürzen geschützt werden muss, kann aus dem vermeintlich unkomplizierten Reisebegleiter schnell ein Hund werden, dessen Bedürfnisse den Alltag erheblich bestimmen.
Auch finanziell sollte man sich von der geringen Körpergröße nicht täuschen lassen. Eine MRT- oder CT-Untersuchung kostet nicht nur einen Bruchteil, weil der Patient zwei Kilogramm wiegt. Dasselbe gilt für Notdienst, Laboruntersuchungen, spezialisierte Diagnostik oder Operationen. Ein winziger Hund kann eine ausgesprochen große Tierarztrechnung verursachen.
Wer einen sehr kleinen Hund kaufen möchte, sollte deshalb nicht nur den Kaufpreis einplanen, sondern auch über ausreichende finanzielle Reserven und gegebenenfalls frühzeitig über eine Krankenversicherung nachdenken.
Warum Teacup Hunde trotzdem so begehrt sind
Die Erklärung ist eigentlich ziemlich menschlich: Diese Hunde können unglaublich niedlich aussehen. Ein winziger Körper, große Augen und kleine Pfoten sprechen unseren Beschützerinstinkt unmittelbar an. Soziale Medien verstärken diese Wirkung zusätzlich, wenn ein Hund neben einer Kaffeetasse sitzt, auf einer Hand getragen wird oder scheinbar mühelos in eine Handtasche passt.
Was auf solchen Bildern kaum sichtbar wird, sind die Fragen, die für das spätere Leben des Hundes viel wichtiger wären. Wurden die Elterntiere auf relevante Erkrankungen untersucht? Wie sehen ihre Zähne und Kiefer aus? Gibt es in den Linien neurologische Auffälligkeiten, angeborene Erkrankungen oder Probleme mit den Kniescheiben? Wie alt wurden nahe Verwandte und aus welchem Grund wollte der Züchter überhaupt einen Hund hervorbringen, der möglichst wenig wiegt?
Diese Fragen erzeugen keine besonders niedlichen Instagram-Bilder, aber sie entscheiden möglicherweise darüber, wie gesund der Hund später leben kann.
Das Problem sind nicht Mischlinge und auch nicht kleine Hunde
Bei der Diskussion über Teacup Hunde sollte man weder Mischlinge pauschal verurteilen noch so tun, als seien ausschließlich Hunde mit Stammbaum gesund. Beides wäre fachlich Unsinn.
Ein Mischlingshund kann kerngesund oder schwer krank sein. Dasselbe gilt für einen Rassehund. Auch eine geplante Kreuzung zweier Rassen kann mit einem nachvollziehbaren Ziel, umfangreichen Gesundheitsuntersuchungen und einer sorgfältigen Auswahl der Elterntiere durchgeführt werden.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Zuchtplanung. Werden Gesundheit, Wesen und körperliche Eignung berücksichtigt oder besteht das wichtigste Ziel darin, ein bestimmtes extremes Merkmal zu produzieren, weil Käufer dafür besonders viel Geld bezahlen?
Bei Teacup Hunden ist genau diese Frage entscheidend. Ein kleiner Hund ist überhaupt kein Problem. Die bewusste Jagd nach immer extremerer Kleinheit kann dagegen sehr wohl eines werden.
„Ich konnte den Welpen dort nicht lassen“
Besonders schwierig wird es, wenn ein Käufer bei der Besichtigung bereits merkt, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht wirkt der Welpe ungewöhnlich klein und schwach, vielleicht gefallen die Haltungsbedingungen nicht oder die Mutterhündin macht keinen guten Eindruck. Dann sitzt dieses winzige Wesen vor einem und der Gedanke ist verständlicherweise schnell da: Den kann ich hier doch nicht zurücklassen.
Für den einzelnen Hund kann ein solcher Kauf tatsächlich die Rettung bedeuten. Wirtschaftlich geschieht jedoch gleichzeitig etwas anderes, denn der Verkäufer erhält sein Geld und hat damit bewiesen bekommen, dass sich diese Art der Welpenproduktion lohnt. Genau darin liegt das Dilemma des Mitleidskaufs. Man möchte einem einzelnen Hund helfen und kann mit dem dafür bezahlten Geld gleichzeitig dazu beitragen, dass weitere Welpen produziert werden.
Wer wirklich gravierende Missstände feststellt, sollte deshalb nicht nur überlegen, den betreffenden Hund mitzunehmen, sondern auch die zuständigen Behörden beziehungsweise den Tierschutz einzuschalten.
Worauf sollte ich beim Kauf eines sehr kleinen Hundes achten?
Wer einen Chihuahua, Toypudel oder einen anderen kleinen Hund möchte, muss sich dafür überhaupt nicht rechtfertigen. Kleine Hunde können großartige Begleiter sein und gerade auf Reisen viele Vorteile haben.
Sehr aufmerksam würde ich allerdings werden, sobald außergewöhnliche Winzigkeit zum wichtigsten Verkaufsargument wird. Aussagen wie „garantiert unter zwei Kilogramm“, „Micro“, „XXS“, „Extra Mini“ oder „echter Teacup“ sollten nicht dazu führen, dass man noch schneller zugreift, sondern dass man mehr Fragen stellt.
Ein seriöser Anbieter sollte erklären können, warum genau diese beiden Hunde miteinander verpaart wurden und welche gesundheitlichen Untersuchungen bei beiden Elterntieren durchgeführt wurden. Die entsprechenden Befunde sollte man sich tatsächlich zeigen lassen und sich nicht mit Aussagen wie „alles getestet“, „kerngesund“ oder „vom Tierarzt untersucht“ zufriedengeben.
Bei einer geplanten Kreuzung sollte man sich außerdem über die gesundheitlichen Risiken beider Ausgangsrassen informieren. Wer beispielsweise einen Pudel-Chihuahua-Mix kauft, sollte sich nicht nur mit dem Pudel oder nur mit dem Chihuahua beschäftigen, sondern mit beiden.
Je stärker ein Verkäufer mit der extremen Kleinheit seiner Hunde wirbt, desto wichtiger wird für mich außerdem die Frage, warum genau dieses Merkmal bei seiner Zucht eine so große Rolle spielt.
Sollte man einen Teacup Hund kaufen?
Ich persönlich würde keinen Hund kaufen, dessen wichtigste beworbene Eigenschaft darin besteht, möglichst extrem klein zu bleiben. Nicht weil ich kleine Hunde problematisch finde, sondern gerade weil es bereits wunderbare kleine Hunderassen gibt, ohne dass man sie immer weiter verkleinern muss.
Ein gesunder Chihuahua oder Toypudel kann ein sportlicher, intelligenter und erstaunlich robuster kleiner Begleiter sein. Selbst der FCI-Standard des Toypudels macht deutlich, dass bei der kleinen Größe normale Proportionen erhalten bleiben sollen und keine Anzeichen von Zwergwuchs erwünscht sind.
Das ist für mich ein wesentlich vernünftigerer Gedanke als der Wettbewerb darum, welcher Hund am Ende noch ein paar hundert Gramm weniger auf die Waage bringt.
Kehren wir deshalb zum Schluss noch einmal zu dem kleinen Welpen vom Anfang zurück. Zehn Tage nach seinem Einzug interessiert sich seine Besitzerin nicht mehr dafür, ob er ausgewachsen 1,8 oder drei Kilogramm wiegen wird. Sie denkt auch nicht mehr darüber nach, wie praktisch es sein wird, ihn auf Reisen mitzunehmen. Sie möchte sehen, wie er frisst, zunimmt, spielt und irgendwann als erwachsener Hund über eine Wiese rennt.
Die mehr als 2.500 Euro Tierarztkosten nach wenigen Tagen sind bitter, doch Geld lässt sich ersetzen. Viel schwerer wiegt die Ungewissheit, ob der Hund die gesundheitlichen Folgen seines extrem kleinen Körpers möglicherweise ein Leben lang tragen wird.
Genau deshalb sollte beim Kauf eines sehr kleinen Welpen nicht die Frage im Mittelpunkt stehen, wie winzig er ausgewachsen bleiben wird. Viel wichtiger ist die Frage, welche Voraussetzungen geschaffen wurden, damit aus diesem Welpen ein möglichst gesunder erwachsener Hund werden kann.
Denn ein Hund muss nicht in eine Teetasse passen. Er sollte vor allem einen Körper bekommen, in dem er möglichst gesund ein ganz normales Hundeleben führen kann.




